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Hürter – Weltkulturerbe

Hommage an Bottrops Kulturkneipe Nr. 1

Hürter 博物館酒吧在哪裡,fragte der chinesische Tourist.
他們就站在門口,antwortete ich.

Für fernöstliche Besucher ist die Traditionsgaststätte längst eine Touristenattraktion, für Einheimische ein Stück gelebte Stadtgeschichte. Seit 1954 an der Gladbecker Straße 19 a wirkt hier vieles wie konserviert: eine gutbürgerliche Museumskneipe der 1950er Jahre und ja, das ist als Kompliment gemeint.

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Die Museumskneipe

Viel verändert hat sich nicht. Ein neuer Anstrich, eine Hightech-Luftfilteranlage, die Pergola gegen die Sommersonne, das war es im Wesentlichen. Der Rest: Zeitkapsel. Das gilt nicht nur fürs Interieur. Auch einige Gäste scheinen direkt aus einer anderen Epoche herübergerettet worden zu sein. Zeitzeugen, die noch wissen, wie sich hier einst die Stadtoberen trafen. Als die Sozialdemokraten noch Persönlichkeiten und Power hatten. Hier wurde geklüngelt, wurden Karrieren begossen und lokalpolitische Entscheidungen ausgeknobelt.

Wer jetzt allerdings Nostalgie-Kitsch erwartet, liegt daneben. Keine Sissi-Dauerschleife mit Romy, kein museales Stillleben. Das Hürter lebt und zwar ordentlich.

Es ist diese eigenwillige Mischung aus restaurativ und progressiv, die den Laden so besonders macht. Oder anders gesagt: das Bernstein unter den Kneipen, nur dass hier keine Insekten eingeschlossen sind, sondern lebendige Subkulturen.

Bottrops Kulturkneipe Nr. 1

Rock’n’Roll, Jazz, Blues, Punk, Line Dance, Hardrock, dazu die Schützenbrüder der 3. Kompanie. Hier bekommt man alles. Talkshows, Lesungen, Partys inklusive. Hermann Löns und Johnny Rotten an einem Tisch? Und beide trinken Stauder, welches ihnen von ZDF-Sportreporter Tibor Meingast serviert wird. Der Journalist und Autor Hermann Beckfeld brachte hier in seinen legendären Talkrunden etliche Sport-Promis aus dem Revier zum Weinen.

Auch Peter Maffay schaute mal vorbei und bedauerte, dass seine sieben Brücken wegen Einsturzgefahr nicht mehr begehbar sind. Und so ist sein Lied zu einer Hymne geworden, über eine Politik, die längst alle Brücken zum Bürger abgebrochen hat.

Hartgesottene Rockmusiker feiern hier den Muttertag.

Und natürlich darf nicht unerwähnt bleiben: Seit über einhundert Jahren zählt das Hürter zu den karnevalistischen Hotspots in Bottrop. Und weil Humor hier Tradition hat, ist die Gaststätte längst auch abseits der fünften Jahreszeit eine feste Größe, einmal im Monat als zentraler Treffpunkt für alle Stand-up-Comedy-Fans im nördlichen Revier.

Betrachtet man objektiv die Kontinuität und das breite Spektrum an Kulturevents im Hürter, gibt es keinen Zweifel: Hürter ist derzeit Bottrops Kulturkneipe Nr. 1. Gefolgt von der Rathausschänke, die hier in den letzten Monaten zur Aufholjagd geblasen hat.

Die Erfindung des Toast Hawaii – Clemens Wilmenrod bittet zu Tisch

Und dann ist da noch diese Geschichte aus der Küche: Clemens Wilmenrod, Deutschlands erster Fernsehkoch, soll Anfang 1955 genau hier das Rezept für seinen legendären Toast Hawaii entdeckt haben, während einer Theater-Tournee mit Halt in Bottrop. Belegt ist das nicht. Aber ganz ehrlich: Es würde passen. Und glaubt man der Gerüchteküche, stand bis vor kurzem noch ein Schnellbräter der Marke „Heinzelkoch“ in der Küche. Ein Gerät, das Wilmenrod in seiner TV-Küche nutzte.

Aber vermutlich ist diese Wilmenrod-Episode nur eine Legende, wie die über den Mann, der Liberty Valance erschoss.

Tatort-Kommissar Faber

Kulinarisch jedenfalls bleibt man der Linie treu. Klassiker der 1950er und 60er Jahre dominieren die Karte, allen voran die Kommissar-Haferkamp-Frikadelle, benannt nach dem Essener Tatort-Ermittler. Schauspieler Hansjörg Felmy konnte sie leider nicht mehr probieren. Dafür griff später ein Kollege zu: Jörg Hartmann alias Tatort-Kommissar Peter Faber machte im Hürter Station, nicht nur fürs Buch, sondern auch für den Teller.

Historisches

Ein Blick zurück zeigt, wie viel Geschichte in dieser Kneipe steckt. Der Bottroper Autor Wilfried Krix hat in seinem Buch über die lokale Kneipenkultur einige spannende Fakten zusammengetragen:

1877 eröffnete Schreinermeister Heinrich Jansen an der Horster Straße 5 eine Gastwirtschaft und legte damit den Grundstein für eine lange Tradition. 1930 übernahm Johann Hürter die Konzession und gab dem Haus den Namen, den es bis heute trägt. Mit dem Umzug an die Gladbecker Straße 19a im Jahr 1954 fand die Kneipe schließlich ihren heutigen Standort.

1976 begann mit Ossi Maier ein neues Kapitel: Er übernahm das Lokal von der Familie Hürter und prägte es über Jahrzehnte hinweg. Bis zu seinem gesundheitsbedingten Rückzug im Jahr 2011 gehörte er zu den bekanntesten Kneipiers der Stadt.

Seit 2011 führt Ramona Fleer die Traditionskneipe weiter und hat ihr mit „Hürter – die Kneipe mit Fleer“ eine persönliche Note verliehen.

Und auch wenn das Hürter die Kriterien der UNESCO für das Weltkulturerbe vermutlich nicht ganz erfüllt: Einen festen Platz im Herzen Bottrops – und auf der neuen Bottroper Touristik-Website – hat es sich verdient.

Text und Fotos: Udo Schucker

Lesen Sie dazu auch den Beitrag „Muttertag“: https://wat-gibbet.de/pluta-huerter/

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