Mein Gott, Bottrop

Bottrops erster Tourismus-Manager und die Geschichte hinter Tegtmeiers „Bottroper-Bier-Song“. In der Hauptrolle: Mike Krüger

Die Geschichte hinter Tegtmeiers „Bottroper-Bier-Song“.

„Et war schon düster, als ich Montach abend im Kolpinghaus rumhing“, so würde Adolf Tegtmeier vielleicht diese Geschichte beginnen, ich fang mal so an:

Es war ein langweiliger Novemberabend im Jahr 1975. Mein 18-jähriges Ich saß mit einigen Freunden im alten Kolpinghaus und spielte eine Partie Doppelkopf.

Das „Kolp“ war bis zu seiner Schließung Ostern 1976 DER Szenetreff. Schüler, Studenten und politische Aktivisten feierten hier gemeinsam mit Schützenbrüdern, Karnevalisten und der Kolpingfamilie. Das Kolpinghaus war mit seinen drei Sälen und Fremdenzimmern „neutrales Gebiet“. Hier praktizierte man die alkoholisierte Koexistenz. Es gab teilweise sogar noch Kellner, die in schwarz-weißer Livree den meist langhaarigen Gästen ihr Altbier servierten.

Warum die eigentlich gutbürgerliche Gaststätte Ende der 1960er Jahre zum Szenetreff in Bottrop avancierte, mag vielleicht an dem nur hundert Meter entfernten Jungengymnasium (Blumenstraße) gelegen haben, heute das Kulturzentrum. Damals verbrachten die Primaner ihre Pause lieber bei einem Bierchen im „Kolp“ als auf dem Schulhof ihrer Penne. Aber das ist eine andere Geschichte. Zurück an den Kartentisch.

Das Blatt in meiner Hand bot wenig Inspiration und ich beschloss, mal früher nach Hause zu gehen, als plötzlich ein langer Lulatsch hinter mir auftauchte: ca. 190 groß, Mitte 40, graumeliertes, ungekämmtes halblanges Haar, Schnäuzer. Er trug einen alten Parker und kniehohe Boots.

Der Lulatsch ratterte direkt los: „Bist du Udo? Die Wirtin, Lydia, meinte, du seist hier der Ansprechpartner für Filmleute. Mein Name ist Peter Gehring*. Ich bin Aufnahmeleiter für eine Kölner Produktionsfirma, wir drehen in Bottrop einen Film für eine Satire-Sendung im ZDF und ich suche jemanden, der sich vor Ort auskennt und mir für ein paar Tage assistiert.“

Noch bevor ich antworten konnte, tat dies meine Doppelkopfrunde für mich: „Udo ist da genau der Richtige!“

Zu diesem Zeitpunkt hatte ich bereits drei Kurzfilme und einen Spielfilm auf Super 8 gedreht, die übrigens alle in der Aula des Jungengymnasiums uraufgeführt wurden. Die Presse berichtete seinerzeit ausführlich über meine Aktivitäten und so kam es, dass ich damals eine gewisse Popularität in Bottrop genoss, die mir zu diesem Minijob bei der Produktion von „Mein Gott, Bottrop“ verhalf.

Der Film sollte ein Beitrag für das ZDF-Satire-Magazin „Express“ werden. In der Hauptrolle: Mike Krüger. Weitere Mitwirkende: Jürgen von Manger, Brigitte Mira, Benno Hoffmann etc.
Der Komiker Mike Krüger galt 1975 als Shootingstar mit seinem Hit: „Mein Gott, Walter.“ In „Mein Gott, Bottrop“ würde er den Tourismus-Manager der Stadt Bottrop mimen. Tegtmeiers „Bottroper-Bier-Song“ war nur eine Szene in dem geplanten Satirebeitrag.

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Offene Türen – Stadtmarketing mit Mike Krüger

Am nächsten Tag ging’s los. Aufnahmeleiter Peter Gehring und ich hatten einen Termin beim Oberbürgermeister Theo Knorr. Drehgenehmigungen? Kein Problem, konnten wir sofort mitnehmen. Bottrop brauchte dringend eine Imagepolitur, nachdem zuvor ein übler WDR-Beitrag über eine angebliche Rattenplage die Stadt in ein schlechtes Licht gerückt hatte.

Nach der Audienz beim OB wurden ein paar Zechensiedlungen gecastet. Ein passendes Zechenhaus wurde auch schnell gefunden und die Bewohner waren zu allem bereit, als sie erfuhren, dass Mike Krüger vorbeischauen würde.

Weiter ging’s mit ein paar Geschäften in der Innenstadt. Danach standen typische Ruhrpott-Kneipen auf der Liste. Davon gab’s seinerzeit noch einige in Bottrop. Hier waren neben Innen- auch Außenaufnahmen angesagt. Kneipentour im Auftrag des ZDF. Und natürlich wurde in jeder Kneipe erstmal ein Bierchen verkostet.

Meine Stimmung stieg. Die des Aufnahmeleiters leider nicht: Meine Vorschläge waren ihm zu gepflegt, zu idyllisch. Der Regisseur Bernd Schadewal wollte eher das Klischee bedienen und eine verrußt-raue Fassade für seinen Dreh. Mir fiel dann noch eine alte Zechenkneipe auf der Knappenstraße ein, gegenüber der Zeche Prosper II. Diese kam dann auch in die engere Wahl.

Zwei Wochen später begannen dann die Dreharbeiten mit Mike Krüger in Bottrop. Ich war nervös. Vorab musste ich noch Zimmer fürs Team im Bottroper City-Hotel reservieren.

Der Dreh begann am und im Bottroper Rathaus, teilweise mit Playback, da Krüger seinen Mein-Gott-Bottrop-Song im Film trällern musste.

TAG. RATHAUS BOTTROP. AUSSEN

Tourismus-Manager Mike Krüger kommt aus dem Rathaus gerannt, bleibt (NAH) vor der Kamera stehen und checkt mit dem angehauchten Zeigefinger, aus welcher Richtung der Wind weht.

CUT

Dann ging’s an einer Lottoannahmestelle an der Kirchhellener Straße weiter. Vereinzelte Autogrammanfragen. Die WAZ schaute vorbei, schoss ein Foto mit dem Kameramann ohne Mike Krüger und schrieb am nächsten Tage eine Randnotiz. Das war’s. Mittag!

Für die Mittagspause hatte ich einen großen Tisch im Restaurant „Haus Wessels“ reserviert, und alle waren mit dem Essen sehr zufrieden.

Die nächsten Takes wurden dann in einer Zechensiedlung gedreht. Lautsprecher an. Playback ab! Die Anwohner hatten Spaß. Schnapsgläser wurden herumgereicht, gegen die Kälte. Prost!

Die letzte Szene für den Streifen wurde schließlich in einem Bottroper Elektrofachgeschäft an der oberen Hochstraße gedreht. Bei der letzten Einstellung fing ein Scheinwerferfilter Feuer. Große Aufregung, viel Rauch, aber ansonsten nichts.

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Uraufführung am 16. Juli 1976

Die Szene mit Jürgen von Manger und Brigitte Mira wurde zu einem andren Zeitpunkt realisiert. Da war ich dann leider nicht mehr dabei. Hier gibt es zwei Fassungen: Die Originalszene aus „Mein Gott, Bottrop“ und einen Trailer für die Single „Bottroper Bier“. Die zweite Fassung wurde wohl erst 1977 gedreht. Welche Teile davon in Bottrop inszeniert wurden, kann ich bedauerlicherweise nicht genau sagen. Der Film „Mein Gott, Bottrop“ mit der „Bottroper-Bier-Song“-Szene feierte seine Uraufführung am 16. Juli 1976 im ZDF.

Retrospektiv betrachtet war der Film „Mein Gott, Bottrop“ völliger Schwachsinn. Auch hier wurde nicht das Bottroper Image aufgewertet, sondern auch nur die damals vorherrschenden Klischees bedient und die Stadt veralbert. Heute ist das, Gott sei Dank, anders.

Vor einigen Jahren traf ich Mike Krüger zufällig auf einem Event. An den Bottrop-Dreh konnte er sich nur noch sehr vage erinnern, an mich gar nicht.

Udo Schucker

Weitere Infos zum alten Kolpinghaus lesen Sie in meinem Beitrag: „Als Vanessa Redgrave nicht nach Bottrop kam.

* Der Name könnte auch Peter Gerling gewesen sein, hier verblasst meine Erinnerung.