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Frühschoppen mit Reinhard Wieczorek

Abschied vom Bottroper Malerfürsten in der Kulturkirche Heilig Kreuz

„Und mein Geist wird aus dem Schatten, den er breitet um mich her, sich erheben, nimmermehr!“ Edgar Allan Poe, Der Rabe

Als ich am Sonntagvormittag, dem 19. April 2026, den Rathausplatz in Richtung Kulturkirche überquerte, kreuzte plötzlich ein Rabe meinen Weg. Groß, mit glänzendem Gefieder. Er ließ sich am Brunnen nieder und fixierte mich. Ich blieb stehen. Sekunden später schwang er sich wieder in den Himmel und ließ in mir ein Kaleidoskop aus Erinnerungen zurück. Fragmente, alle verbunden mit Reinhard Wieczorek, den ich seit 50 Jahren kannte und der am 23. Februar 2026 gestorben ist.

„Der Rabe“ ist sowohl mein Lieblingsgemälde von Wieczorek als auch mein Lieblingsgedicht von Edgar Allan Poe. Und an diesem Sonntag sollte mir der Rabe noch öfter begegnen.

Rund 300 Freunde und Weggefährten waren in die Kulturkirche gekommen, zu einem „Frühschoppen“, der in der Familie Wieczorek Tradition hatte. Ein Abschied, der sich eher wie ein großes Familientreffen anfühlte. Vertraute Gesichter, lange nicht gesehen. Manche seit Jahrzehnten nicht.

Im Kirchenschiff hing Reinhards Gemälde „Der Rabe“ in verschiedenen Varianten.

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Niemals geht man so ganz

Nach der Begrüßung durch Reinhards Witwe Gudrun sprach Oberbürgermeister Matthias Buschfeld. Es folgte Ex-Kulturamtsleiter Dieter Wollek, der kurzfristig für den erkrankten Ex-Oberbürgermeister Bernd Tischler einsprang.

Dann übernahm der Journalist Thomas Brey, ein enger Freund der Familie. Sein bebilderter Vortrag, reich an Anekdoten, nahm der Schwere den Raum. Stattdessen eine leise Heiterkeit. Und Dankbarkeit. Dafür, diesen Künstler über fünf Jahrzehnte gekannt zu haben, auch wenn ich dem Menschen dahinter nie wirklich nahegekommen bin.

Es gibt Persönlichkeiten, die prägen eine Stadt nicht nur, sie geben ihr ein Gesicht. Reinhard Wieczorek war so eine. Mit seinem Tod verliert Bottrop eine der markantesten Stimmen seiner Kunstszene. Für viele war er einfach „Reini“, nahbar, herzlich und mit einem unverwechselbaren Blick auf die Welt.

1953 in Bottrop geboren, studierte er von 1973 bis 1981 an der Kunstakademie Düsseldorf und wurde Meisterschüler von Karl Bobek. Und blieb doch stets Bottrop treu. Die Stadt war für ihn mehr als Herkunft, sie war Resonanzraum. Emotional, künstlerisch, existenziell.

Der Malerfürst aus Bottrop

Den Titel „Malerfürst“ verlieh er sich selbst, augenzwinkernd, aber nicht ohne Haltung. Die passende Domain sicherte er sich gleich mit. Vielleicht auch, um Markus Lüpertz ein wenig zu reizen. Der Name passte zu Reinis Präsenz, seinem Stil, seiner Haltung. Und doch war er nie bloße Pose. Dahinter stand ein Künstler mit Mut, mit Kanten und genau deshalb einer, der perfekt nach Bottrop passte.

Als Gründungsmitglied des Bottroper Künstlerbundes prägte er das kulturelle Leben der Stadt über Jahrzehnte. 1995 erhielt er den Kulturpreis der Stadt. Noch 2025 waren seine Arbeiten im B12 zu sehen, umso spürbarer ist nun die Lücke.

Mehr als ein Künstler

Wer ihm begegnete, traf nicht nur auf einen Maler, sondern auf einen Menschen mit offenem Herzen. Vielleicht liegt genau darin sein Vermächtnis, nicht nur Werke, sondern Begegnungen. Gespräche. Impulse. In einer Stadt wie Bottrop, die von Nähe und Direktheit lebt, war Wieczorek mehr als ein Künstler. Er war Teil ihres Gefühls.

Was bleibt

Sein Werk wird bleiben. In Bottrop und darüber hinaus. Vor allem aber bleiben die Erinnerungen an einen, der diese Stadt liebte und sie reicher gemacht hat. Bottrop hat einen besonderen Künstler verloren. Und einen seiner eigenwilligsten, herzlichsten Botschafter.

Als ich die Kulturkirche verlasse, sehe ich ihn. Reinhard, vor dem Eingang, leicht gebeugt, die Hände auf dem Rücken verschränkt. Auf seiner Schulter der Rabe. Still. Wach.

Reini hebt den Blick, als hätte er auf mich gewartet. „Und, war’s gut?“
Ich nicke. „Danke.“

Fotos und Text: Udo Schucker

Lesen Sie dazu auch den Beitrag über die Kultkneipe „em pom pie“ – eine ART-Kneipe.
Und über seine letzte Ausstellung: Reinhard Wieczorek – Painting Matters.

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