Ein Jugendzentrum für uns
Wie Bottrop 1975 die Zukunft unterschrieb und dann vergaß, wohin mit den Zetteln
Historische Fotos aus dem Jahre 1975, entnommen einer längst vergessenen Unterschriftenaktion, die eigentlich beweisen sollte, dass es uns gibt, und am Ende nur bewies, dass es Filme gibt.
1975, an einem Samstagvormittag, demonstrierten zahlreiche Jugendliche auf dem Höttenplatz (Kirchplatz) für ein Jugendzentrum. Ich habe diese Demo seinerzeit gefilmt und in meinem Spielfilm „Große Freiheit Nr. 425“ eingebaut. Bei den folgenden Fotos handelt es sich um restaurierte Standbilder aus dem Film, also um Wahrheit, die zweimal durch die Kamera ging und beim zweiten Mal besser aussah.
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Das Haus der Jugend lag in Amsterdam
Ehrlich gesagt war ich damals an einem Jugendzentrum nicht interessiert. Unser „Haus der Jugend“ war das alte Kolpinghaus oder das „Paradiso“ in Amsterdam, falls es eine Mitfahrgelegenheit gab. Eine Phase in meiner Jugend, in der wir öfter nach Amsterdam fuhren als nach Gladbeck. Wir schliefen im Auto oder in unseren Schlafsäcken im Vondelpark. Hockte man mittags am „Dam“, traf man oft auf Bottroper, die immer so taten, als wären sie nicht aus Bottrop. Abends gingen wir ins Kino. In den 70ern liefen in Holland Kinofilme drei Monate, bevor sie in Deutschland zu sehen waren. In den Niederlanden wurden Filme nicht synchronisiert, nur untertitelt.
Danach ging’s ins Paradiso, ein Konzert- und Veranstaltungssaal in Amsterdam, der aus einer alten Kirche entstand. Eröffnet wurde das Paradiso 1968 als öffentlich bezuschusstes Jugendzentrum. Hier waren ab 1970 weiche Drogen erlaubt.
Ein falscher Film im Paradiso
Im Paradiso gab’s auch einen Raum, in dem nonstop Filme gezeigt wurden. Hier habe ich mit 16 Jahren versehentlich meinen ersten Hardcore-Porno gesehen: „Deep Throat“. Angekündigt war eigentlich „Singin’ in the Rain“. „Deep Throat“ war in Deutschland verboten. Mich hatte der tiefe Rachen der Darstellerin Linda Lovelace damals doch sehr verstört, vor allem, weil ich ja eigentlich Gene Kelly und seinen Regentanz sehen wollte. Aber die Geschichte mit dem „Paradiso“ erzähle ich Ihnen ein andermal, wenn die Zensur wieder schläft. Zurück zur unbefleckten Bottroper Jugend auf dem Höttenplatz.
Die Demo als Filmszene
Die Unterschriftenaktion hatte seinerzeit Udo Reiser gemeinsam mit seinen Compañeros organisiert, bin mir aber nicht mehr ganz sicher. Ich erfuhr einen Tag zuvor im Kolpinghaus davon und beschloss spontan, die Demo in meinen Film einzubauen. So konnte ich hinterher erzählen, es hätten hunderte Statisten in meinem Film mitgewirkt. Gut fürs Marketing. Gemeinsam mit Martin Honert, der die Hauptrolle spielte, und mit Georg Drabiniok, der den Ton aufnahm, machte ich mich am nächsten Tag ans Werk.
Ein Haus, das ich nie betrat
Die einige Jahre später eröffnete städtische Jugendeinrichtung „Haus der Jugend“ habe ich nie betreten.
Georg Drabiniok ist 2026 leider verstorben. Martin Honert arbeitet gerade an einem neuen Kunstprojekt.
Fotos und Text: Udo Schucker
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Hildegard Knef signiert Bücher in Amsterdam. Foto: Croes, Rob C. / Anefo, CC0, via Wikimedia Commons
© Stadt Bottrop

