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150 Jahre Schützen, Schwoof und Schießerei

„Aus alter Wurzel neue Kraft“ – Ausstellungs­eröffnung im Bottroper Kulturzentrum

Allein im Treppenhaus

Freitag, 18 Uhr. Gähnende Leere im Kulturzentrum. Eigentlich sollten im Kammerkonzertsaal jetzt flammende Reden gehalten werden, begleitet von knalliger Marschmusik. Pustekuchen! Ich bin allein auf weiter Flur. Aus der Tiefe des Raumes tritt Barfrau Simone Ruhrberg hervor, zuständig fürs Catering und offenbar als Einzige im Einsatz.

„Hat dich niemand informiert? Die Lüftung im Saal ist ausgefallen. Die Eröffnungszeremonie findet jetzt in der Aula des Heinrich-Heine-Gymnasiums statt. Danach kommen aber alle rüber.“

Na, das passt, denke ich. Heine-Gymnasium an der Gustav-Ohm-Straße, jenem Amtmann, der 1876 die Idee zum ersten Bottroper Schützenfest hatte.

Simone drückt mir eine Flasche Bottroper Bier in die Hand, gegen die trockene Luft und für den richtigen Einstieg. Dann flaniere ich durch die Treppenhausgalerie des Kulturzentrums und sehe mir in aller Ruhe die Exponate an.

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Little Drummer Boy

„Come, they told me, pa rum pum pum pum.“

Unversehens muss ich an Helmut Fuhler denken, einen alten Freund aus Kindertagen. Wir haben in den 1960er-Jahren zusammen die Schulbank gedrückt und so manches Abenteuer erlebt. Wenn die Schützenbrüder der „Alten Allgemeinen“ in den heißen Sommertagen durch die Straßen marschierten, standen wir am Rand und marschierten im Takt einfach mit.

Helmut hatte es besonders auf die Spielmannszüge abgesehen. Trommeln waren seine Welt und Taktgefühl hatte er schon als Kind, im Gegensatz zu mir. Später trat Helmut der Alten Allgemeinen Bürgerschützengesellschaft bei und blieb ihr ein Leben lang treu. Vor ein paar Tagen ist er gestorben.

Und so bekommt diese Ausstellung für mich eine ganz persönliche Note. Sie wird zur Erinnerung an einen sehr lieben Menschen – pa rum pum pum pum.

Tradition mit Trinkstärke

Kaum ein Verein ist in Bottrop so tief verwurzelt wie die Alte Allgemeine Bürgerschützengesellschaft und das ist keine Übertreibung. Seit stolzen 150 Jahren wird hier gezielt, gefeiert und gesoffen, als wäre das Schützenwesen ein eigener Leistungssport. Und irgendwie ist es das ja auch vor allem, wenn man bedenkt, dass die einzige Disziplin, in der alle glänzen, das stilechte Anstoßen ist.

Als Amtmann Gustav Ohm am 9. Juli 1876 die Vorbereitung eines Schützenfestes ankündigte, konnte niemand ahnen, dass er damit den Grundstein für eine Institution legte, die noch anderthalb Jahrhunderte später pulsierendes Vereinsleben verkörpert, ohne elektrische Spannung, aber mit ordentlicher Trinkstärke.

Aus alter Wurzel neue Kraft

Um diese Geschichte zu würdigen, zeigt das Stadtarchiv Bottrop unter der Leitung von Heike Biskup die Ausstellung „Aus alter Wurzel neue Kraft“ in der Galerie im Kulturzentrum Bottrop. Zwischen Uniformen, Zeichnungen von Christoph Freitag, Königsketten und Schwarz-Weiß-Fotos von Ernst Günther Schweizer blitzt immer wieder der unverkennbare Bottroper Humor auf: handfest, herzlich, manchmal ein bisschen schräg, aber immer nah am Menschen.

Männerbund mit Mixgetränken

Denn ob im Festzelt oder beim Vogelschießen – die Alte Allgemeine ist seit 1876 Bottrops gesellschaftlicher Dauerbrenner. Generationen haben hier geschwitzt, geschunkelt, gesungen und sich zu Königen oder Königinnen schießen lassen – ganz ohne royales Erbrecht, aber mit viel Herzblut.

Allerdings, seien wir ehrlich: Frauen hatten in dieser strammen Männergesellschaft lange nur dekorative Funktionen. „Schmückendes Beiwerk“, wie es einst im Protokoll hieß. Und das soll, wenn es nach vielen Mitgliedern geht, wohl auch so bleiben. Bottroper Traditionalismus in Reinkultur.

Ausklang mit Augenzwinkern

Wer sich ein Bild davon machen will, sollte vorbeischauen. Die Ausstellung läuft noch bis zum 21. März 2026, danach darf wieder gefeiert werden: mit Trommel, Taktgefühl und dem guten Gefühl, dass Tradition hier weder eingerostet noch langweilig ist.

Die große Glastür mit dem Porträt von August Everding öffnet sich und die Schützenbrüder stürmen, durstig und gut gelaunt, in die Ausstellung. Ich greife zur Kamera und schieße los.

In Erinnerung an Helmut Fuhler.

Fotos und Text: Udo Schucker

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