Erinnerungen ans Café Corretto

Mit dem Corretto begann die Geschichte der Bottroper Gastromeile

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Samstag, früher Nachmittag. Ich stehe am Ausgang, drehe mich um und blicke ein letztes Mal zurück in die Tiefe des Raumes, sauge noch einmal das Interieur auf, das mir von Anfang an so sehr gefallen hat. Fast zehn Jahre war dieses Café mein erweitertes Wohnzimmer, mein Büro. Und nun heißt es Abschied nehmen. Wie Furien fallen plötzlich die Erinnerungen über mich her. Jetzt bloß nicht schwach werden.

Als ich 2013 das Café Corretto in Bottrop auf der Gastromeile erstmals betrat, war’s Liebe auf den ersten Blick. Bis dato das schönste Caféhaus der Stadt. Und auch der Kaffee, den man hier servierte, war für einen verwöhnten Kaffeeliebhaber wie mich fast perfekt: stark, aromatisch, mit wenig Säure, geröstet mit einem First Crack bei 180 °C.

Selbst die tiefgefrorenen Torten entwickelten im Corretto ein besonderes Aroma: der Käsekuchen, der Apfelkuchen und die Schokotorte, die sogar der Sachertorte vom Demel in nichts nachstand.

Das Einzige, das viele Gäste am Anfang störte, war der mangelnde Service: Man musste seine Getränke selber an der Theke abholen. Die Menschen sind bequem und verkneifen sich die zweite Tasse Kaffee lieber, bevor sie nochmals selbst zur Theke latschen, um dort dann auch noch in einer Schlange zu stehen. Hinzu kam die Peinlichkeit, die einige Gäste beim Beschlabbern der Untertassen auf dem Rückweg zum Tisch empfanden, was dann auch zu Umsatzeinbußen führte.

Als İlhan Durdu 2018 das Café übernahm, erkannte er dieses Manko und bediente seine dankbaren Gäste fortan direkt am Tisch.

Von achtzehn bis achtzig: Die familiäre Atmosphäre und das supernette Serviceteam ergaben ein Wohlfühlambiente, das alle Generationen ansprach. Ob fidele Rentnertruppe, digitale und analoge Bohème, Geschäftsleute, junge Familien, Künstler, Literaten oder Politiker – im Café Corretto trafen sich alle.

Die Nackten und die Toten

Als im Sommer 2022 die Außentemperatur 40 Grad Celsius erreichte, fielen im Corretto die Hüllen für eine außergewöhnliche Kunstausstellung. Unter dem Titel »Anthropomorph« präsentierte der Bottroper Fotokünstler Thorn Button zwölf großformatige Aktfotografien, die für Aufsehen sorgten und bis zum Schluss hängen blieben.

Jochen Muth

Für mich ist das Corretto auch ein Ort, an dem ich einige meiner Freunde und Freundinnen zum letzten Mal sah. Einer von ihnen war mein Kumpel Jochen Muth, Corretto-Stammgast der ersten Stunde. Wir trafen uns fast täglich in unserem Stammcafé – ein Ritual, das wir vor vielen Jahren im Café Beckhoff begonnen hatten. Jochen hatte sich vorgenommen, in seinem Leben so viele Bücher wie möglich zu lesen. Er war ein Intellektueller wie aus einem Woody-Allen-Film. Und so irrwitzig verliefen auch manchmal unsere Diskussionen.

Als er seine Krebsdiagnose bekam und wusste, dass seine Tage gezählt sind, kam er weiterhin jeden Tag ins Corretto. Trank seinen Kaffee, rauchte dazu einen Joint (auf Rezept), philosophierte wie gehabt fröhlich über Gott und die Wissenschaft und ging mir dabei manchmal fürchterlich auf die Nerven. Und so wurde durch unser Corretto-Ritual sein Sterben schließlich zu etwas Banalem, dem man weder Ehrfurcht noch Angst zollt.

An seinem letzten Tag im Corretto – ein leichter Schlaganfall hatte kurz zuvor seine linke Gesichtshälfte leicht gelähmt – sagte er zu mir: „Das war’s. Ich komm’ nicht mehr.“ Er zahlte, stand auf und ging. Wir hatten uns darauf geeinigt, aus seinem Tod keine große Sache zu machen. Am nächsten Tag war er tot, und ich saß alleine an unserem gewohnten Platz im Corretto, blickte auf seinen leeren Stuhl, bestellte einen zweiten Kaffee, den ich Jochen hinstellte, und begann, mich über seine ewige Besserwisserei aufzuregen.

Nun, ihr seht: Das Corretto war für mich nicht einfach nur ein Café. Es war vielmehr die Kulisse für ein Gefühl, dessen Tiefe ich nicht recht zu beschreiben vermag. Und so danke ich der Familie Durdu und dem ganzen Corretto-Team für die wunderbare Zeit.

Für Jochen.

Fotos und Text: Udo Schucker

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