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Tango-Konzert bei Kaffee und Kuchen

Von Bordellen zu Bühnen: Die Evolution des argentinischen Tangos

Eine musikalische Reise von Buenos Aires in die Welt mit dem Ruhri-Tango-Trio & Jeffrey Dowd sowie Tänzern der Tanzschule FRANK.

In der schimmernden Dunkelheit der Straßen von Buenos Aires, wo der Tango geboren wurde, entfaltete sich am Sonntag, dem 30. März, in der Kulturkirche Heilig Kreuz eine musikalische Reise, die mehr als ein Jahrhundert umspannt. Jens Abshagen, Julia Marx, Jeffrey Dowd und Oliver Scheytt führten die Zuhörer mit pulsierenden Rhythmen und melancholischen Melodien in die Welt des Tangos.

Ein trauriger Gedanke, den man tanzen kann: Tango

Schon als Kind hat mich dieser 2/4-Takt oder 4/4-Takt bewegt. Es war, als ob der Rhythmus des Tangos eine verborgene Saite in meiner Seele zum Schwingen brachte, lange bevor ich verstehen konnte, was diese Musik bedeutet. Vielleicht war es ein Echo aus einer anderen Zeit, aus einem früheren Leben, das in mir widerhallte.

Die Melancholie, die Leidenschaft, die Leiden schafft – in diesen Worten liegt die Essenz des Tangos. Es ist ein Tanz der Widersprüche, ein Paradoxon in Bewegung. Die Leidenschaft, die uns antreibt, ist dieselbe, die uns zerstört. Sie ist wie ein Feuer, das wärmt und verbrennt zugleich. Im Tango umarmen wir diesen Schmerz, machen ihn zu unserem Partner und tanzen mit ihm durch die Nacht.

Von Bordellen zu Bühnen: Die Evolution des argentinischen Tangos

Die Geschichte des argentinischen Tangos ist ein Mosaik aus Schicksalen, Zufällen und einer unbändigen Sehnsucht nach Ausdruck – ein Tanz, der die Melancholie und die Hoffnung gleichermaßen in sich trägt. Buenos Aires, Ende des 19. Jahrhunderts: Eine Stadt am Rande des Chaos, überflutet von Einwanderern aus Südeuropa, die ihre Träume auf ein besseres Leben projizieren. Doch die Realität ist rau. Armut, Kriminalität und Einsamkeit prägen das Leben in den Hafenvierteln wie La Boca. Es ist hier, in diesem brodelnden Schmelztiegel der Kulturen, dass der Tango geboren wird – eine Musik und ein Tanz, die die menschliche Existenz in all ihrer Widersprüchlichkeit spiegeln.

Der Tango entsteht aus der Konfrontation verschiedener musikalischer Traditionen: Die kubanische Habanera trifft auf die argentinische Milonga, afrikanische Rhythmen verschmelzen mit europäischen Harmonien. Die ersten Tangos sind einfach, im 2/4-Takt notiert, doch sie tragen bereits den Keim jener Intensität in sich, die später den Tanz weltweit berühmt machen wird. In den Bordellen und Tanzhallen von Buenos Aires wird er zunächst als Ausdruck der sozialen Verzweiflung und des körperlichen Begehrens getanzt – eng umschlungen, mit einer Haltung, die sowohl Nähe als auch Dominanz verkörpert.

Der Tango ist mehr als nur ein kulturelles Produkt; er ist ein Symbol für das Leben selbst. Die Gegensätze – männlich und weiblich, hart und weich, aggressiv und sentimental – verschmelzen in einer Choreografie des Überlebens. Es ist kein Zufall, dass der Tango zunächst als verrucht gilt. Er ist zu ehrlich für eine Gesellschaft, die sich gerne hinter Fassaden versteckt. Doch seine rohe Schönheit lässt sich nicht ignorieren. Um 1907 erreicht der Tango Europa und findet dort zunächst in Paris ein Publikum. Die Europäer sind fasziniert von seiner Sinnlichkeit und seiner melancholischen Tiefe – Eigenschaften, die ihn gleichzeitig exotisch und universell machen.

Die Geschichte des Tangos ist auch eine Geschichte der Transformation

Während er in Argentinien seine improvisierte Ursprünglichkeit bewahrt, wird er in Europa reformiert und standardisiert. Der „englische Tango“ entwickelt sich zu einem disziplinierten Turniertanz, während der argentinische Tango immer wieder neue Renaissance erlebt – ein Tanz für diejenigen, die das Leben nicht nur ertragen wollen, sondern es fühlen müssen.

Und so dreht sich der Tango weiter, ein ewiger Kreislauf von Annäherung und Trennung, von Sehnsucht und Erfüllung. Er ist ein trauriger Gedanke, ja, aber einer von solcher Schönheit, dass wir nicht anders können, als uns ihm hinzugeben, Schritt für Schritt, Takt für Takt, bis die Musik verstummt und wir atemlos in der Stille stehen, berauscht von der bittersüßen Melancholie des Lebens selbst.

Das Publikum ließ sich am Sonntag schnell von der melancholischen Musik mitreißen, einige schwangen direkt das Tanzbein. Am Ende gab’s reichlich Applaus.

Text und Fotos: Udo Schucker

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