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Herr Blum braucht eine Brille

„Here’s Looking at You, Kid“ – Haben Sie mal einen Augenblick …

Rolls-Royce

„Herr Blum, darf ich Ihnen unseren hochpräzisen ‚Rodenstock DNEye® Scanner‘ vorstellen. Quasi der Ferrari unter den Augenmessgeräten. Oder in Ihrem Fall vielleicht eher ein Rolls-Royce“, mit diesen Worten präsentierte Optikermeister Ulrich van Troyen stolz den modernen Scanner, der gleich den Zustand von Herrn Blums Augen auf Herz und Nieren prüfen sollte. „Nehmen Sie bitte Platz und legen Sie Ihr Kinn in die dafür vorgesehene Form. Ihre Melone müssten Sie vielleicht ablegen.“

Leopold Blum nahm die Melone vom Kopf und positionierte sein Kinn in der entsprechenden Vertiefung. Der Hut war ein Erbstück, das sein Urgroßvater angeblich von den englischen Hutmachern Thomas und William Bowler erworben hatte. Die Kopfbedeckung passte perfekt zu seinem maßgeschneiderten, schwarzen Anzug. Dazu trug er ein weißes Hemd von „OLYMP“, klassisch fit, und eine schwarze Seidenkrawatte von „Turnbull & Asser“. Kombinierte man dies mit seiner frappierenden Ähnlichkeit mit Alfred Hitchcock, so ergab das in der Tat ein „very british“ oder eben „Rolls-Royce“.

Sieben lange Monate hätte Herr Blum warten müssen, um einen Termin bei einem Augenarzt in Bottrop zu bekommen, es sei denn, es handelte sich um einen Notfall. Und Herr Blum war zweifellos kein Notfall, zumindest nicht nach seiner eigenen Einschätzung. Einige mögen diese Perspektive infrage stellen, und wenn gelegentlich ein selbstkritischer Gedanke aufkam, musste er widerwillig zugeben, dass das Epitheton „exzentrisch“ durchaus auf ihn zutreffen könnte. Dennoch betrachtete Leopold Blum sich nicht als eine dringende Angelegenheit.

Herr Blum hatte lediglich festgestellt, dass er die Titel in Filmabspännen nicht mehr klar erkennen konnte. Seit seiner Pensionierung verbrachte er viel Zeit auf Streaming-Plattformen und hielt daran fest, dass man aus Respekt vor der Arbeit aller Beteiligten am Filmprozess die Abspanne bis zum Ende verfolgen sollte.

Shooter

„Den Kopf vielleicht 4 Grad nach links drehen, bitte. Perfekt. Wir messen zuerst den Augeninnendruck zur Glaukomrisiko-Abklärung. So halten bitte und die Augen nicht bewegen. Gleich spüren Sie kurz einen leichten Luftdruck.“ PENG!

Blum musste an das Luftgewehr seines Vaters denken, mit dem er als Kind gelegentlich herumgeschossen hatte. Einmal traf er dabei seinen Freund Bernie, der hatte, Gott sei Dank, ein dickes Fell und trug nur eine harmlose Verletzung davon. Blum verspürte damals plötzlich dieses undefinierte Verlangen, etwas Dunkles in sich, dem er auf keinen Fall nachgeben wollte …

Optikermeister van Troyen riss Blum aus seinen Gedanken: „Augen bitte weiter nicht bewegen. Jetzt folgt eine topografische Hornhautvermessung, ein Check auf Asymmetriefehler und dann messen wir auch noch Ihre Pupillenreaktion bei Tag und bei Nacht, bevor wir zur Gläserbestimmung eine Station weitergehen.“

Beate Uhse in Bottrop

Herr Blum starrte weiter in das Messfeld des Scanners. Dort, wo gerade noch ein bunter Fesselballon zu sehen war, erschien nun ein dunkles Loch, in das Blums Gedächtnis zugleich Bilder aus der Vergangenheit projizierte. Das Brillenfachgeschäft „Optiker Dr. Tiesmeyer“ wurde 1977 an der Hochstraße 8 eröffnet, wo es sich auch heute noch befindet. Was viele vielleicht nicht mehr wissen, etwa ein Jahrzehnt zuvor hatte die aus Ostpreußen stammende Beate Dorothea Rotermund-Uhse an dieser Stelle den ersten Sexshop in Bottrop eröffnet. Gegen den Widerstand konservativer Kreise.

Man glaubt es kaum, aber Deutschland war mal Vorreiter in Sachen sexueller Revolution. Bereits am 17. Dezember 1962 öffnete die „Mutter Courage des Tabubruchs“, wie die Presse Beate Uhse auch nannte, mit ihrem „Fachgeschäft für Ehehygiene“ in Flensburg den ersten Sexshop der Welt. Wenige Jahre später folgte dann die Filiale in Bottrop.

Leopold Blum konnte sich noch gut daran erinnern, wie er als Kind verschämt vor dem Schaufenster stand und darüber rätselte, was sich wohl hinter dem Begriff „Ehehygiene“ verbarg. In den 1960er Jahren ging die Hochstraße in einer großen Kurve in die Essener Straße über. Die Hochstraße sah damals noch sehr anders aus, mit ihren verwitterten, teilweise pittoresken Fassaden, den Kinos und Kneipen und dem Autoverkehr. In einer Nische neben dem Kino „Capitol“ befand sich der Schnellimbiss von „Mengede“, die beliebteste Pommes-Bude ihrer Zeit, gemeinsam mit „Omas Garage“, die, etwas versteckt, hinter der „Trappe“ lag.

Russische Eier

„Einmal Pommes-Currywurst, Schaschlik und ‚Russische Eier‘ zum Mitnehmen, bitte“, hörte Blum sich sagen. Seine Mutter schickte den kleinen Leo oft abends zur Mengede-Bude, um ihr „Russische Eier“ zu holen. Selbst auf dem Totenbett gelüstete es ihr plötzlich nach „Russischen Eiern“. Doch Blum konnte in den zahlreichen Döner-Läden, griechischen Grillbuden und Fastfood-Ketten keine „Russischen Eier“ mehr auftreiben.
„Warum gibt es in Imbissbuden eigentlich keine ‚Russischen Eier‘ mehr?“, fragte Blum laut, immer noch in Gedanken versunken.
„Äh, vielleicht, weil es in Böhmen auch keine Wassermänner mehr gibt?“, antwortete Optiker van Troyen verblüfft.
„Das könnte ein Grund sein. Hängt ja alles irgendwie zusammen“, erwiderte Blum.
„So, der Scan ist abgeschlossen. Keine Auffälligkeiten, alles sieht sehr gut aus. Vermutlich nur eine altersbedingte Sehschwäche.“
„Muss ich dann überhaupt noch zum Augenarzt?“, fragte Blum und hoffte, sich die lästige Augenuntersuchung ersparen zu können.
„Eine fachärztliche Untersuchung kann der Scanner nicht ersetzen. Sie sollten auf jeden Fall regelmäßig bei Ihrem Augenarzt einen Check-up machen.“
Blum ging nur sehr ungern zum Arzt, versäumte es aber nicht, seinem Hausarzt, seinem Zahnarzt und seinem Urologen zu Weihnachten eine Postkarte mit allgemeinen Genesungswünschen zu schicken.

„Wir gehen jetzt zur nächsten Station, zur eigentlichen Brillenglasbestimmung. Dort ermitteln wir dann die Stärke für die benötigten Gläser. Vorher vielleicht ein Käffchen?“
„Im Moment nicht, danke.“ Zwanzig Minuten später hatte Herr Blum für einen kurzen Moment wieder den vollen Durchblick. Die benötigten Werte für den Schliff seiner Brillengläser waren ermittelt und jetzt hieß es nur nicht die Fassung verlieren. Welches Brillengestell könnte zu Herrn Blum passen? Um bei der großen Auswahl etwas Zeit zu sparen, hatte Blum den Optiker vorab telefonisch instruiert, drei Referenzmodelle auszuwählen, die zum Aussehen von Alfred Hitchcock und seinem Look passen könnten. Keine leichte Aufgabe, aber Leopold Blum ist ja auch kein leichter Kunde. Deshalb hatte er sich auch für „Dr. Tiesmeyer“ entschieden. Schließlich eilte dem Fachgeschäft ein gewisser Ruf voraus.

Die Hitchlist

Optikermeister van Troyen holte ein Tablett aus der Schublade, auf dem drei Brillenfassungen lagen und präsentierte diese Herrn Blum mit den Worten: „Das ganze Team hat sich auf Basis Ihrer durchaus ungewöhnlichen Vorgaben Gedanken gemacht. Am Ende haben wir uns auf diese 3 Modelle fokussiert. Unsere ‚Hitchlist‘, wenn Sie so wollen.“

Alle Mitarbeiter hielten kurz inne und starrten Herrn Blum an. Blum sah lange auf die ‚Hitchlist‘: „Nummer 2 ist es nicht, zu streng. Nummer 3 könnte ein Kompromiss sein, wenn Nummer 1 nicht genau das wäre, was ich mir vorgestellt habe. Klassisch, aber auch modern, stabil, aber nicht klobig, die schwarze Farbe passt perfekt zu meinem Outfit. Und das Design hat diesen britischen Touch.“

Herr Blum setzte das Brillengestell auf und betrachtete sich im Spiegel, während gleichzeitig ein 3D-Videozentriersystem seine Physiognomie samt Gestell erfasste. „Auf Basis dieser Daten, die unser ‚ImpressionIST®‘ hier erfasst – so nennt sich das System –, wird die Brillenfassung dann exakt für Sie angepasst“, erklärte Optikermeister Ulrich van Troyen.

Durchblick

Fast zwei Stunden hatte die ganze Prozedur gedauert. Herr Blum war erschöpft, aber zufrieden, was in letzter Zeit nur noch selten vorkam. In einer Woche konnte er seine neue Brille dann abholen. Herr Blum setzte seine Melone auf, bedankte sich bei allen Mitarbeitern und verteilte zum Abschied, jetzt in seiner Rolle als Alfred-Hitchcock-Doppelgänger, noch Autogrammkarten, die er mit „Hitch“ unterschrieben hatte. Als er wieder auf die Straße trat, hörte er ein schrilles Klingeln. Herr Blum drehte sich um und sah plötzlich die Straßenbahnlinie 3 auf sich zurasen. Blum sprang erschrocken zur Seite. Nur ein Flashback. Tatsächlich war’s der rasende Roland, ein ehemaliger Testpilot, der mit seinem frisierten E-Scooter seit geraumer Zeit die Bottroper Fußgängerzonen unsicher machte.

„Vielleicht hatte der DNEye® Scanner ja mein Raum-Zeitgefüge leicht verwirrt. Entwickelte sich die Story doch noch zu einer dieser Zeitreise-Geschichten?“, dachte Blum und musste lächeln. Die Straßenbahnlinie 3 ratterte schließlich bis Mitte der 1960er Jahre durch die Hochstraße in Bottrop. Blum kam ein Zitat von Antoine de Saint-Exupéry in den Sinn: „Um klar zu sehen, genügt oft ein Wechsel der Blickrichtung.“ Herr Blum wechselte die Richtung und ging nach Hause.

Fotos und Text: Udo Schucker

Dr. Tiesmeyer – Besser Sehen
Hochstr. 8
46236 Bottrop
Tel.: 02041 16 77 16
Web: https://dr-tiesmeyer.de/