Dandy a. D.

Eine Kurzgeschichte aus der Gastrowelt von Igor Albanese

Die letzten Sonnenstrahlen spiegeln sich im jungfräulichen Schnee wider, der den Parkplatz vor dem Restaurant in eine Tiroler Idylle verwandelt. In einer halben Stunde wird von den zarten Schneeflocken nur noch Matsch übrig sein, aber die wenigen Gäste genießen den flüchtigen romantischen Anblick. Es duftet nach Glühwein und frischen Waffeln, nach Kerzenfeuer und dem Ende des Winters.

Am runden Tisch schweigt sich ein Pärchen an. Er saugt an seiner Zigarette, die er mit nikotingelben Fingern zerdrückt. Sie begleitet jeden seiner Lungenzüge mit missbilligender Miene und knirscht dabei mit den künstlichen Zähnen. Die beiden lassen die Blicke durch den Raum schweifen, dankbar für jede noch so kleine Ablenkung, und warten auf das Essen. Der Patrone läuft am Tisch vorbei, lächelt, gießt ein wenig Wasser in die Gläser und eilt dann zum Eingang, um einen neuen Gast zu begrüßen.

Mit dem Neuankömmling fegt der Wind die Schneeflocken in den Raum. Die Gäste schauen auf und sind fasziniert: ein großer, eleganter Herr um die siebzig tritt auf, dem die Jahre offenbar nur Gutes gewollt haben. Mit nonchalanter, leicht arroganter Geste nimmt er den Hut ab, gibt Stock und Hut dem Wirt und lässt sich mit der Selbstverständlichkeit des Hochadels aus dem Mantel helfen. „Kaschmir, vom Feinsten“, denkt der Wirt, der wie ein kleiner Junge neben ihm steht. Dann schaut sich der Herr nach einem ihm genehmen Platz um. Am Fenster sitzt eine Dame, gleichfalls in den Siebzigern. Er verbeugt sich andeutungsweise und nimmt an einem Nachbartisch Platz.

„Martinicocktail und die Speisenkarte, bitte.“

Mit betonter Gemächlichkeit holt er die Lesebrille aus dem Etui und klappt sie auf, um das Angebot auf der Speisenkarte zu studieren. Silbergraues Haar, markante Gesichtszüge, gepflegte Hände, eine gediegene Garderobe – alles stimmt an diesem Mann.

Auch die Dame am Nebentisch ist beeindruckt. Wie beiläufig blickt sie in seine Richtung, zupft sich das Halstuch zurecht und blättert zerstreut in einem Modejournal.

„Herr Ober!“, ruft der Herr, „wie bereiten sie die Aglio e olio zu?“ Das Italienische geht ihm flüssig von den Lippen, Französisch offenbar auch. „Tripes a la mode de Caen, Entenbrust mit Cassissauce … . Was empfehlen Sie dazu?“

„Es ist noch ruhig, ich hole den Koch wenn er Zeit hat“, schlägt der Wirt vor; „Er wird Ihnen alles genaustens erklären.“ Der Gast ist einverstanden und nimmt den Koch für die nächste Viertelstunde in Beschlag.

„Wenn das kein Gourmet-Tester ist…“, raunt der Wirt dem Barkeeper zu und richtet sich den Krawattenknoten. „Wir müssen vorsichtig sein!“

Als der Koch nach seiner Audienz beim Gast  am Patrone vorbeigeht, flucht er leise: “Siestu maledio, der Signor braucht Psychiatria, nix Ristorante!“ und verschwindet in der Küche, venezianische Verwünschungen murmelnd.

„Herr Ober, bitte bringen Sie der Dame ein Glas Champagner.“ Der Gourmet-Tester und seine Nachbarin unterhalten sich bereits wie alte Bekannte. Sie lauscht seinen Worten, lacht verlegen, wirft den Kopf in den Nacken und flüstert: „Sind wir nicht ein bisschen zu alt dafür?“

Am runden Tisch zeigt sich unerwartet Bewegung. Die Dame schubst ihren Mann: „Geh endlich, los, sag es dem Ober!“ Der Mann steht unsicher auf, fuchtelt mit dem Arm und ruft den Wirt: „Herr Ober, meine Frau hat einen Kürbis Biskuit  bestellt, aber bekommen hat sie eine Brühe die nach Fisch riecht.“ Der Patrone nimmt ihm beschwichtigend den Arm herunter, aber nun lamentiert die Frau: „Das Essen stinkt nach Fisch! Ich wollte ein Kürbis Biskuit!“, wieder schubst sie ihren Mann in den Kampf. Der Patrone ist sprachlos. Was soll er dazu sagen?

Da schaltet sich zum Glück der Gourmet-Tester ein: „Verehrte gnädige Frau, darf ich Sie unterbrechen?“ Sein Ton ist ruhig, aber bestimmt. Die Dame schweigt plötzlich und schaut ihn angepestet an. „Kürbis Bisque ist üblicherweise kein Biskuit, sondern eine Fischsuppe. Probieren Sie die Suppe unter diesem Aspekt und Sie werden sehen, dass sie Ihnen schmeckt.“

Die ältere Dame, inzwischen zum Tisch des heimlichen Gourmet-Testers umgezogen, ist von so viel überlegener Kennerschaft hingerissen. Mit rosigen Wangen trinkt sie frivol ein zweites Glas Champagner mit ihm, beobachtet wie er seine Seezunge filetiert, wie er den Wein testet, wie er ihr Komplimente macht.

Die Restauranttür geht auf, eine junge Frau kommt zum Tisch: „Oma, es ist schon spät, komm jetzt, ich fahr dich nach Hause.“

Sie steht auf: „Ich muss leider gehen. Es war eine wunderschöne Stunde mit Ihnen.“

„Erlauben Sie mir, Ihre Rechnung zu übernehmen“, sagt er, während er ihr in den Mantel hilft. Sie schenkt ihm noch einen Blick: „Vielen Dank. Bis zum nächsten Mal, vielleicht?“

Wieder allein, bestellt er noch einen Espresso und den besten Grappa des Hauses.

„Herr Ober“, ruft er nach einer Weile, „können Sie noch drei Havannas einpacken, ich möchte meinen Geburtstag um Mitternacht mit der Zigarre und zwei Freunden ausklingen lassen.“

„Es tut mir leid, aber ich habe nur noch zwei da“, entschuldigt sich der Wirt.

„Es ist in Ordnung, die nehme ich, und bringen Sie mir bitte meinen Mantel, ich muss Sie leider verlassen.“

Der Patrone bringt die Zigarren und den Mantel: „Soll ich die Rechnung fertig machen? Oder … ?“

Der Gast steht auf, gibt dem Wirt den Mantel, lässt sich helfen, beugt sich ein wenig und fasst ihn an die Schulter: „Es war wunderschön, ich habe die Zeit genossen und ich werde Sie herzlich weiterempfehlen, doch die Rechnung kann ich nicht bezahlen.“ Sein Blick ist freundlich und entspannt. Der Patrone ist verwirrt und wortlos. Er will etwas sagen, doch der vermeintliche Tester fährt fort: „Wenn Sie die Polizei rufen wollen, können Sie es gerne tun, so spare ich mir den Weg durch den Schnee. Ich wohne nämlich gegenüber… im Gefängnis und heute habe ich Ausgang.“ Er schaut auf die Uhr: „Genauer gesagt, noch eine halbe Stunde.“

Eine lange Minute vergeht. Der Patrone, der die Fassung wieder gewonnen hat, zieht sich ein paar Schritte zurück, beobachtet den eleganten Betrüger und quält sich ein Lächeln ab.

„Ach wissen Sie, Sie haben Ihre Rolle so gut gespielt, dass ich Ihnen nicht einmal böse bin. Ich wünsche Ihnen alles Gute zum Geburtstag, doch im nächsten Jahr suchen Sie sich bitte ein anderes Restaurant.“

Der Gast ist beeindruckt: „Hier, nehmen Sie eine von den zwei Zigarren“, meint er gönnerhaft und holt eine der Havanas aus der Tasche. „Sie sind ein Mensch, mit dem ich gerne teilen will.“ Dann verschwindet er in die Nacht.

„Siehst du!?“, sagt die Frau am runden Tisch und schubst ihren Mann: „Das war ein Betrüger und diese Biskuitsuppe oder wie sie auch heißt ist mit Sicherheit doch keine Fischsuppe gewesen.“

Der Patrone überhört das Gerede und verfolgt die Silhouette des alten Dandys, der in die Dunkelheit verschwindet.

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