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Eine Nacht im Babalu

Mit Friedrich Nietzsche beim Geschlechtsakt in einer Bottroper Erotikbar

Anfang der 1970er Jahre schwappte eine Softsex- und Pornowelle über Deutschland. In den Kinos liefen Filme, die in Serie das Sexleben von Bergleuten, Schulmädchen, Krankenschwestern oder Hausfrauen schilderten. Vom Schulmädchen-Report gab es zwölf Filme, vom Hausfrauen-Report sechs offizielle Streifen. In einigen deutschen Städten – so auch im Ruhrgebiet – eröffneten ab Mitte der 1970er Jahre Peepshows. In Bottrop, nur wenige Meter neben der Martinskirche, gab es ein City-Nonstop-Pornokino.

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Handwerkskammer profitiert von Sexwelle

In den albernen Hausfrauen-Reporten warteten oft gelangweilte Ehefrauen auf einen Handwerker. Hier bekamen Sprüche wie „ein Rohr verlegen“ oder „den Pinsel schwingen“ eine neue Bedeutung. Die Handwerkskammer bemerkte in jener Zeit angeblich eine signifikant erhöhte Nachfrage nach Lehrstellen in handwerklichen Berufen wie Installateur, Anstreicher oder Elektriker.

Als Jugendlicher konnte man in dieser Zeit schon das Gefühl bekommen, dass in Deutschland gerammelt wurde, was das Zeug hielt. Die Realität sah natürlich ganz anders aus. Das Frauenbild, das in diesen dümmlichen, patriarchalisch geprägten Sexstreifen vermittelt wurde, war teilweise sehr bedenklich und entwürdigend.

Im Zuge dieser Sexwelle eröffnete 1971 – vielleicht auch 1972 – in Bottrop die erste und einzige Erotikbar mit Hardcore-Bühnenprogramm: das Babalu. Die Bar befand sich in der Essener Straße 3.

Vom Bistro ins Babalu

Vier oder fünf Jahre später saß ich mit meinen Freunden Dirk, Theo und Schnuti um vier Uhr morgens im Bistro an der Peterstraße. Wir diskutierten über Nietzsche, Marx und Schopenhauer und waren die letzten Gäste. Als das Bistro schloss, hatten wir den Kanal noch nicht voll. Dirk schlug vor, auf einen „Absacker“ ins Babalu zu gehen; dort hatte man noch bis fünf Uhr geöffnet.

Ich war 18 und hatte so meine Bedenken: „Muss man da nicht Bardamen zu einem teuren Gedeck einladen?“

Dirk, der zwei Jahre älter war und dort wohl schon des Öfteren versackt war, wiegelte ab: „Um diese Uhrzeit haben die Mädels keinen Bock mehr. Du kannst dort in Ruhe ’n Bier trinken. Für ’n Heiermann gibt’s ’ne 0,3-Liter-Flasche.“

Heiermann nannte man ein Fünf-Mark-Stück. Zum Vergleich: Ein Glas Bier (0,2 Liter) kostete im Bistro damals 80 oder 90 Pfennige. Ich hatte noch zwei Heiermänner in der Tasche. Ab ins Babalu.

Dirk drückte auf die Türklingel. Ein großer Blonder mit der Statur eines Kleiderschranks, fettigem Haar und einem schwarzen Sakko, das mindestens zwei Nummern zu klein war, öffnete die Tür. Der Türsteher musterte uns kurz und signalisierte mit einer Kopfbewegung, dass wir eintreten dürften.

Tote Hose im Babalu. Fast alle Tische waren unbesetzt. An der Theke, die sich links befand, saßen drei Bardamen, die uns einen müden Blick zuwarfen. Die Damen merkten sofort, dass bei uns nicht viel zu holen war, und verloren zugleich das Interesse.

Die Sitzgelegenheiten bestanden vorwiegend aus plüschig roten Sesseln und Sofas. Wir platzierten uns nahe der schmucklosen, leeren Bühne, die sich an der hinteren Wand befand, bestellten vier Bier und nahmen unsere philosophische Diskussionsrunde wieder auf.

Der Syphilis-Philisoph

„Wat war jetzt mit dieser Maria Sils, die außen Urlaub, lief da wat?“, fragte Theo Schnuti.
„Hasse noch Kontakt?“, wollte Dirk wissen.
„Sils Maria. Ich war in Sils Maria, in der Schweiz. Hab dort das Nietzsche-Haus besucht“, antwortete Schnuti leicht genervt.
„Also kein Sex, nur Hausbesuch“, konstatierte Theo.
„Hatte der nicht Syphilis?“, fragte ich.
„Wer?“, fragte Dirk.
„Nietzsche“, antwortete ich.
„Angeblich“, sagte Schnuti.
„Am Ende läuft jede Dialektik nur auf eine Synthese hinaus – Bumsen“, resümierte Theo leicht lallend.
„Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein“, sagte ich.
„Welchen Abgrund meinst du?“, fragte Dirk.
„Hört sich nach Charles Bukowski an“, meinte Theo.
„Na, der ist doch von Nietzsche, aus ‚Jenseits von Gut und Böse‘“, erwiderte ich.

In diesem Moment öffnete sich hinter uns ein Abgrund, in den wir noch lange blicken sollten.

Zur Mittelmäßigkeit verdammt

Ein Mann und eine Frau betraten die Bühne und ließen ihre Umhänge fallen, unter denen sie nackt waren. Die Frau begann ohne Umschweife mit choreografierten Bewegungen. Ihre Fellatio erweckte nach wenigen Minuten den Satyr im Mann, der die Messlatte mit 40 oder 45 Zentimetern unglaublich hoch setzte. Neuer olympischer Rekord. Ich musste an Stabhochsprung denken. Und uns allen war plötzlich klar: Wir waren zur Mittelmäßigkeit verdammt.

Wir saßen nur zwei oder drei Meter vom Geschehen entfernt: sprachlos, staunend und auch peinlich berührt. Die Pornodarsteller präsentierten diverse Stellungen. Ihr Fleisch klatschte laut aufeinander und nahm der Szene jede Erotik. Ich musste an Nietzsches Übermenschen denken. Ecce homo!

Kurze Zeit später wurde das Etablissement geschlossen. Vermutlich hatten wir damals den letzten Geschlechtsakt auf einer Bottroper Bühne erlebt.

Udo Schucker

Seit Kurzem gibt es wieder eine philosophische Gesprächsrunde in einer Bottroper Bar. Alle Infos dazu: https://wat-gibbet.de/cafe-denkmal/

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