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Der Elefant im Raum

Olly kaufte die Kaue. Reini brachte seine Elefanten.

Auffällig leer für einen Freitag

6. Mai 2011. Früher Abend im Passmanns, damals noch kultureller Hotspot, heute Billardeck und damit sinnbildlich für jene leisen Verschiebungen, die man Strukturwandel nennt, wenn einem nichts Besseres einfällt. Ich saß da, und der Laden war auffällig leer. Zu leer für einen Ort, der sonst von sich behauptete, unverzichtbar zu sein.

„Is’ heute irgendwas los, is’ so leer hier?“, fragte ich Roger, der hinter der Theke stand wie ein Möbelstück mit Meinungsoption.
„Keine Ahnung. Die erholen sich alle vielleicht noch vom Tanz in den Mai.“

Natürlich. Diese „Tanz-in-den-Mai-Party“ mit DJ „La Brie“ war bis 2018 einer der ritualisierten Höhepunkte im Passmanns gewesen. Ein großes Familientreffen im besten Sinne: eng, laut, durchtränkt.

„Du warst mal wieder der Letzte auf der Tanzfläche. Hast den sterbenden Schwan gegeben“, flapste Roger.
„Ich hab ’nen Filmriss. Na, immerhin wurde ich wiedergeboren.“

Nach Rüsselsheim

Dann öffnete sich die Tür, und mit ihr kam Zielstrebigkeit in den Raum. Claudia, gute Freundin und Gegnerin jedes Zögerns, steuerte direkt auf mich zu. „Bisse fertig, können wir fahren?“
„Fahren, wohin?“
„Du bist fertig – nach Rüsselsheim.“
„Stimmt, da sind die alle“, ergänzte Roger, plötzlich hellwach. „Olly Helmke hat die alte Kaue auf Prosper II erworben, und Reinhard Wieczorek eröffnete da heute seine Ausstellung.“
„Rüsselsheim heißt die Ausstellung. Olly feierte seine erste große Immobilie und Reini seine Elefanten.“
„Jaaaaa“, sagte ich. „Es dämmert.“

Dass ich an diesem lauen Abend noch mit einem ausgewachsenen Elefanten an der Theke stehen würde, konnte ich da noch nicht ahnen.

Bühne statt Brache

Die Waschkaue von Prosper II hatte mehr Realität gesehen als jede Sonntagsrede darüber: Schweiß, Staub, Schichtwechsel, Verschleiß. Und nun also Kunst. Nicht als Bruch, eher als Fortsetzung mit anderen Mitteln. Unter dem Titel „Rüsselsheim“ bespielte der Bottroper Künstler Reinhard Wieczorek den Raum.

Olly Helmke hatte das Industriedenkmal der RAG übernommen, wachgeküsst und ihm eine neue Rolle verpasst: Bühne statt Brache. Heute befindet sich dort die ELORIA Erlebnisfabrik. Oberbürgermeister Bernd Tischler durfte das damals offiziell würdigen. Doch der eigentliche Star blieb der Raum selbst: roh, unversöhnt, eine architektonische Ohrfeige für jeden White Cube, der seine Neutralität für Haltung hält.

Bitumen, Pech und Zement

Und dann diese Bilder. Groß, schwer. Wieczorek arbeitete mit Bitumen, Pech, Zement, also mit Stoffen, die sich jeder gefälligen Interpretation widersetzen. Die Oberflächen waren rissig, aufgebrochen, fast beleidigt von der Idee, nur betrachtet zu werden. Man wollte sie berühren und ließ es aus gutem Grund.

Wieczoreks Elefanten, dieses notorische Motiv, wirkten nicht wie importierte Bedeutungsträger, sondern wie logische Bewohner. Masse traf auf Masse, Volumen auf Volumen. Rund zwanzig Arbeiten hatte Wieczorek versammelt, ältere und neuere, ein Gespräch über Gewicht, Zeit und die Zumutung, präsent zu sein. Das größte Werk: ein achtteiliges Monstrum von über acht Metern Breite, das ohne Hubsteiger und die tatkräftige Hilfe des Netzwerks „Konjunktur“ wohl bis heute am Boden gelegen hätte, ein Bild, das sich seine eigene Erhebung erst erarbeiten musste.

Steigerlied, E-Gitarre und ein echter Elefant

Der Abend selbst verweigerte die übliche Dramaturgie und setzte stattdessen auf kontrollierte Irritation. Zuerst die Ehrengarde Prosper Haniel, die das Steigerlied in den Raum stellte, nicht als Folklore, eher als akustische Behauptung. Dann ein E-Gitarrist, der genau diese Behauptung auseinandernahm, verbog und neu zusammensetzte, bis vom Pathos nur noch Material übrig war. Und schließlich – weil Bottrop an guten Abenden keine Angst vor Absurdität hat – ein echter Elefant, der gemächlich durch die Tür trat und sich vor sein gemaltes Gegenüber stellte und schließlich neben mir an der Theke stand. Den Zirkuselefanten hatte seinerzeit übrigens Dirk Helmke organisiert.

Das hätte leicht zur Zirkusnummer verkommen können, zur bebilderten Pointe für alle, die Kunst gern dann mögen, wenn sie sich erklärt. Tat es aber nicht. Vielleicht, weil Wieczorek den Witz selbst längst einkalkuliert hatte. Vielleicht auch, weil dieser Raum jede Ironie sofort erdete und auf Tragfähigkeit prüfte. „Ich hatte doch selbst die Idee“, sagte der Künstler. Und es klang nicht wie eine Ausrede.

Kunst und Kohle, Pathos und Pech, Elefant und E-Gitarre: In der Waschkaue von Prosper II passte an diesem Abend alles zusammen. Nichts wirkte bemüht. Und genau das war, in diesem Kontext, fast schon die größte Provokation.

Reinhard Wieczorek ist im Februar 2026 leider verstorben. Er fehlt.

Video: Ferdinand Fries
Text: Udo Schucker

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