Wehrpflicht
Feldjäger im Bistro-Piccadilly – eine Zeitreise zu einem aktuellen Thema
Samstag, der 20. Oktober 1979, 23:04 Uhr. Ich saß mit meinem Freund Georg Drabiniok im Bistro-Piccadilly, Bottrops legendärem Szenetreff jener Jahre. Zuvor hatten wir schon das „Old Irish Inn“ und Hermann Euskirchens neu eröffnete Kneipe „Glocke“ besucht, die sich auf der Hochstraße befand. Neben der Schauburg. Überall das gleiche Bild: gähnende Leere. Auch im Bistro herrschte tote Hose.
Es war einer jener melancholischen Samstagabende, an denen man sich fühlte wie eine Figur aus einem Roman von Françoise Sagan – zu müde, um sich aufzulehnen, zu hellwach, um zu vergessen. Solche Samstage gab es viele in dieser Stadt. Wir wollten nur noch weg, raus aus Bottrop. Doch die Leere, die uns bedrückte, trugen wir längst in uns. Eine Flucht war zwecklos. Wohin man auch ging, man blieb gefangen im eigenen, menschlichen Bunker.
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Licht, Film und ein schmelzender Kühlschrank
Kurz zuvor hatte ich meinen Spielfilm „C’est la vie“ abgedreht. Auch er drehte sich um diese Atmosphäre, dieses diffuse Gefühl der Verlorenheit. Ein Jahr später bekam der Film auf dem Festival der jungen deutschen Filmemacher in Werl sogar einen Preis. Alle Orte, die ich hier erwähne, waren zugleich Kulissen jener Geschichte.
„Wie geht’s deinem Kühlschrank?“, fragte ich Georg und musste lachen. Wir hatten in seiner Wohnung eine Szene gedreht und für eine Einstellung einen 1000-Watt-Halogen-Scheinwerfer in den Kühlschrank gebaut – und danach vergessen, ihn wieder auszuschalten. Das Kühlschrank hatte daraufhin begonnen, sich selbst zu verformen.
„Na ja,“ meinte Georg trocken, „das Innenteil erinnert jetzt an ein Kunstwerk von Dali. Aber kühlen tut er noch.“
„Cool. Vielleicht wird der Film ja in die Geschichte eingehen, und dein Kühlschrank wird ein Sammlerstück“, versuchte ich zu scherzen, um das Malheur zu entschärfen. Weder das eine noch das andere trat ein.
In diesem Moment brachte Erika mir ein frisch gezapftes Altbier und Georg seinen „Krefelder“ – ein Alt mit einem Schuss Malzbier –, als drei oder vier uniformierte Gestalten das Bistro betraten. Weißer Koppelgurt, weiße Schirmmütze: Feldjäger. Ich meine, auch ein oder zwei Polizisten waren dabei, ganz sicher bin ich mir nicht mehr.
Die Militärpolizei der Bundeswehr führte eine Razzia durch, sie suchten einen Soldaten, der sich ohne Erlaubnis von ihrer Truppe entfernt hatte. Ein seltener, aber nicht unbekannter Anblick in Bottrop. Zwei Jahre zuvor hatte ich miterlebt, wie sie im Studio B einen Wehrpflichtigen abführten.
Diesmal zeigten sie ein Foto herum. Ein junger Mann aus Bottrop wird in der Kaserne vermisst, hieß es. Doch an jenem Abend stießen sie auf eine Mauer des Schweigens.
Ein Jahr zuvor war der CDU-Politiker Hans Karl Filbinger über seine Vergangenheit gestürzt – als bekannt wurde, dass er NSDAP-Mitglied und in Kriegszeiten Marinerichter gewesen war, der noch kurz vor dem Ende der Wehrmacht Fahnenflüchtige zum Tode verurteilt hatte.
Diese Affäre lag noch in der Luft, sie färbte unsere Wahrnehmung. Wir waren skeptisch, misstrauisch, manchmal auch trotzig gegenüber jeder Uniform. In unseren Augen war die Bundeswehr – ob berechtigt oder nicht – noch immer ein Schatten der alten Wehrmacht, die in Teilen tief verstrickt war in die Schuld jener Zeit.
Nachdem die Feldjäger das Bistro-Piccadilly durchstreift hatten, zogen sie unverrichteter Dinge ab. Ich ging zur Damentoilette, öffnete die Tür und rief: „Harald, du kannst rauskommen – die Militärbullen sind weg!“
Zivildienst
Wie die meisten meiner Freunde war auch ich damals Zivildienstleistender und wurde dafür bestraft. Wer verweigerte, musste statt 15 ganze 18 Monate dienen. Doch das war nicht die einzige Schikane. Neben einer schriftlichen Begründung wurde man gezwungen, sich einer sogenannten Gewissensprüfung zu unterziehen. Eine Farce, die vorgab, moralische Tiefe zu prüfen, in Wahrheit aber nur schikanieren sollte.
Die Gewissensprüfung – ein absurdes Tribunal
Meine Prüfung fand im Hans-Sachs-Haus in Gelsenkirchen statt. Vier oder fünf alte Männer saßen mir gegenüber, ernste Gesichter, versteinert im Glauben, sie wüssten, wie Gewissen funktioniert. Der Trick bestand darin, nicht logisch zu argumentieren. Man musste zittern, zögern, fast flehen – aber glaubwürdig. Wer zu sachlich oder zu emotional war, fiel durch.
Ich hatte Glück: Mit Rollenspielen kannte ich mich aus. Unterstützung gab’s vom Stadtjugendseelsorger und Religionslehrer Pfarrer Alfred Heiermann, einem Mann mit Herz und Geduld, der schon viele Verweigerer gecoacht hatte.
„Stellen Sie sich vor,“ begann einer der Gewissensprüfer, „Sie fahren mit Ihrem Auto durch die Stadt. Ein Kind rennt auf die Straße – Sie können nicht mehr bremsen und überfahren es. Ihr Auto wird zur tödlichen Waffe. Was sagen Sie dazu?“
„Darüber habe ich viel nachgedacht,“ antwortete ich ruhig. „Deshalb habe ich beschlossen, künftig kein Auto mehr zu fahren. Ich nehme lieber das Fahrrad oder den Bus.“
Sechzig Minuten dauerte dieses theatralische Verhör. Schließlich wurde ich anerkannt. Mein Gewissen war amtlich geprüft und hatte offenbar bestanden. Noch Jahrelang danach konnte ich mich entspannt zurücklehnen, frei von jedem Gewissensbiss.
Im Gleichschritt Marsch
Doch ehrlich gesagt: Ich war kein Pazifist. Ich wollte nur nicht fünfzehn Monate meines Lebens in einer Kaserne sinnlos verschwenden, zwischen Beton, Befehl und Langeweile. Ich schwimme gern gegen den Strom, und Befehle befolge ich nur, wenn sie Sinn ergeben.
„Im Gleichschritt Marsch ist für den Arsch“ – stand auf der Herrentoilette des Bistros gekritzelt. Wer für ein gemeinsames Ziel kämpft, braucht keine Marschbefehle selbstgerechter Generäle oder Politiker mit „Lobbyist“ auf der Stirn. Echter Kampfgeist entsteht nicht durch Hierarchien, er wächst in uns selbst.
Zivildienst im Marienhospital Oberhausen-Osterfeld
Man durfte sich seine Zivildienststelle damals noch selbst aussuchen. Ich entschied mich für das Marienhospital in Osterfeld, das leider vor ein paar Jahren schließen musste. Nach einem kurzen Gespräch wurde ich angenommen; mit meinem Gesellenbrief als Sanitärinstallateur kam ich im technischen Dienst unter.
Rückblickend war es eine warme, lehrreiche Zeit. Ich begegnete dort wunderbaren Menschen, sah, wie nah Leben und Tod beieinander liegen und wie viel Heiterkeit selbst im Schattenraum des Alltags entstehen kann. Zwischen Tragödien und kleinen Triumphen, zwischen defekten Heizungen und stillen Gesprächen am Krankenbett fand ich das, was in keiner Kaserne zu finden gewesen wäre: Menschlichkeit.
Diese Zeit hat mich geprägt. Vielleicht deshalb glaube ich heute, dass ein verpflichtendes soziales Jahr für alle Jugendlichen sinnvoll wäre, als Einladung, das Leben einmal von innen zu betrachten.
Die Schlussszene meines Spielfilms „C’est la vie“ entstand damals im Marienhospital: Ich selbst als Patient, umgeben von Pfleger*innen und Angestellten, die kurzerhand zu Statisten wurden. Kein großer Dreh, nur ein ehrlicher Moment, eingefangen zwischen Leuchtstoffröhren, Stationsgeruch und der stillen Würde des Krankenhausalltags.
Who knows, who cares for me …
C’est la vie
(Emerson, Lake & Palmer)
Udo Schucker
Fotos: KI-generiert
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Foto: Katholikenrat Bottrop, Arbeitsgruppe Kirche und Politik
Foto: Annette Friedenstein
Nazareth .Photo by Lewis Milne
Foto: Pixabay