Lesedauer: 8 Minuten

Abgebrüht

Von spanischen Fliegen, andalusischen Hunden und Manni Süselbecks trendigem Fitnessprogramm

Ich sitze am Nachmittag mit dem Gastronomen Manfred Süselbeck in seinem Restaurant Bodega, das er seit 2019 gemeinsam mit seiner Frau Angela führt. Noch ist es ruhig, doch für den frühen Abend sind bereits alle Tische reserviert. Wir schlürfen Kaffee, schwarz. Manni (77) will mir von seinem skurrilen Fitnessprogramm für Leute über siebzig erzählen. Skurriles ist ja genau mein Ding.

Manni dreht seit einiger Zeit fast täglich seine Runden durch die Treppenhäuser von mehreren Ärztehäusern in der Innenstadt. Treppe rauf, Treppe runter. Ein Mann, ein Plan, ungefähr 312 Stufen und die Frage, ob der dritte Stock noch Orthopädie oder inzwischen schon eine geheime Außenstelle der Gerüchteküche ist.

Wirtschaft ohne Krise?

Eigentlich war Manni einst Groß- und Außenhandelskaufmann. Dann erwischte ihn 1976 das Gastronomievirus. Es kam ohne Vorwarnung, hatte aber einen langen Atem. Im Laufe der Jahre wurde Manni zum Wirtschaftsweisen, nicht im Sinne von Börsenkursen und Konjunkturprognosen, sondern in der einzig wirklich belastbaren Währung: Schnitzel, Sauce, Wein und Menschenkenntnis.

Zu seinen Stationen gehörten das „Treibhaus“ und „Die kleine Hexe“ in Gladbeck. Hier lernte Manni seine Frau Angela kennen, die ihn auch gleich verhext hat. Weiter ging’s mit dem „Brauhaus Bottich“, dem „Overbeckshof“, dem „Gasthof Milke“ im Fuhlenbrock. Namen wie Kapitel eines gastronomischen Entwicklungsromans. In jedem Abschnitt eine neue Herde, neue Gäste, neue Geschichten – und Manni mittendrin. Vermutlich schon damals mit dem Blick eines Mannes, der nicht nur wissen wollte, was auf den Teller kommt, sondern auch, wer es bestellt hat und warum. „Natürlich gab’s auch Krisen, aber nur so kann man sich weiterentwickeln“, sagt Manni.

2006 rief der Bürgermeister von Reken an. Ein alter Bahnhof wartete auf neues Leben. Manni und seine Frau Angela sagten Ja, packten die Koffer und bauten im westlichen Münsterland eine der besten Gastronomien der Region auf.

„Reken war toll. Das Restaurant wurde gleich zweimal in dem Buch ‚Spitzenköche und kulinarische Newcomer im Ruhrgebiet und Münsterland: Die besten Restaurants und ihre Rezepte‘ vorgestellt. Aber irgendwann zieht es einen halt zurück. Nach Bottrop, wohin sonst.“

Mannis Staircase-Workout

„Was hat es mit deinem Fitnessprogramm auf sich?“, frage ich.

„Fitness, ach, ja. Aber nicht so Fitness wie bei den Leuten, die Gewichte heben und dabei aussehen, als hätten sie eine Rechnung vom Finanzamt verschluckt. Ich mache das auf meine Art.“

„Wäre das auch was für mich? Mein Körper braucht dringend Bewegung.“

„Ganz sicher. Das Programm besteht darin, wochentags kurz durch die Treppenhäuser von vier Ärztehäusern in der City zu laufen. Aufwärts, abwärts, seitwärts nur, wenn jemand im Weg steht. Oben angekommen, ein paar einfache Dehnübungen. Ein Arm nach links, ein Bein nach rechts, tief durch die Nase einatmen und aus dem Mund langsam ausatmen.“

„Warum ausgerechnet Ärztehäuser?“, frage ich.

Manni blickt kurz in die Ferne. Auf dem Tisch rollt langsam eine Olive davon. Niemand hält sie auf.

„Ganz einfach“, sagt Manni. „Man trifft viele Bekannte, und wenn man umfällt, ist man direkt beim Arzt. Und vor Arztbesuchen werden viele Menschen redselig. Man erfährt den neuesten Klatsch und den kann ich dann an meine Gäste weiterleiten. Die Frage lautet schließlich immer: Manni, wat gibbet?“

Luis-Buñuel-Fan

Manni ist ein großer Verehrer des spanischen Regisseurs Luis Buñuel. „Der andalusische Hund – großartig!“, sagt er und schaut dabei so ernst, als müsste gleich ein Rasiermesser über den Horizont gezogen werden. „Da passiert auch alles, was nicht passieren darf. Und keiner erklärt irgendwas.“

Das sei auch das Geheimnis des Bottroper Klatsches, findet Manni. Je weniger Erklärung, desto größer die Wahrheit. Ein Gerücht darf nicht stimmen, es muss nur elegant und wohlduftend aus der Küche kommen.

Mannis Lieblingsfilm ist aber „Der diskrete Charme der Bourgeoisie“. Den erwähnt Manni besonders gern, wenn sich in der „Bodega“ eine Gruppe gesetzter Herren über die Qualität des Olivenöls unterhält, während am Nebentisch jemand versucht, eine Rechnung in drei kulturelle Förderanträge umzuwandeln.

„Der Film ist zeitlos“, sagt Manni. „Da wollen sechs Mitglieder der Oberschicht essen, aber es klappt nie. Ihr Essen wird durch absurde Zwischenfälle immer wieder vereitelt.“

In diesem Moment betritt ein Stammgast das Lokal und fragt: „Manni, wat gibbet?“

Manni hebt den Zeigefinger. Nicht voreilig. Nicht beiläufig. Dadaistisch. „Spanische Fliegen“, sagt er. Der Gast erschrickt.

„Keine Sorge“, beruhigt Angela. „Nur eine Redensart. Heute empfehlen wir Lammkoteletts vom Grill mit Kanarischen Kartoffeln.“

Der diskrete Charme der Vorsorge

Manni muss in die Küche. Ich verabschiede mich und stelle mir vor, wie er Treppe rauf und Treppe runter rennt. Das ist der diskrete Charme der Vorsorge. Während andere Menschen joggen, um nicht krank zu werden, läuft Manni durch Ärztehäuser, um im Krankheitsfall nicht lange suchen zu müssen. Ein Kreislauf, wie ihn selbst Buñuel nicht schöner hätte finden können.

Wer mehr über Mannis „Staircase Workout“ wissen möchte, geht einfach in die Bodega.

Einen Tisch reservieren im Restaurant Bodega

Gladbecker Straße 31
46236 Bottrop

Tel.: 02041 685915
E-Mail:

Fotos und Text: Udo Schucker

Jetzt keinen Artikel mehr verpassen: abonnieren Sie unseren wat-gibbet-WhatsApp-Kanal!