Lesedauer: 7 Minuten

Buchtipp: „True Crime Ruhrgebiet“

Wat da wirklich lief zwischen 1919 und ’33

Stell dir vor, Bottrop, Gladbeck, Essen und die ganze Pott-Kulisse wären eine einzige große Krimiserie – nur ohne Netflix, dafür mit Ruhrkohle, Inflationsgeld und Zeitungen, die so richtig Dampf gemacht haben. Genau so liest sich das neue Buch „True Crime Ruhrgebiet. 1919 – 30. Januar 1933. Von Amokläufer bis Zeitungsmarder“, recherchiert und zusammengestellt von Henrietta Schabau und erschienen im Bottroper Verlag Henselowsky Boschmann.

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Als ich über das Buch las, musste ich an einen Film aus dem Jahr 1972 denken: „Das fünfte Gebot“.

1972 produzierte Michael Lentz, seinerzeit Autor, Produzent und WAZ-Filmkritiker, einen Kinofilm über kriminelle Vereinigungen, die in den 1920er- und frühen 1930er-Jahren Essen und Umgebung terrorisierten. Der Film trug den Titel „Das fünfte Gebot“.

Helmut Berger spielt die Hauptrolle des Kriminellen Bernhard Redder. Die Handlung spielt im Ruhrgebiet, unter anderem in Essen. Auch Bottrop war ein Drehort. Die Hauptfiguren Bernhard und sein Bruder Leo bilden eine brutale Räuberbande, die das Revier durch Überfälle unsicher macht. Später verbünden sie sich aus politischem Opportunismus mit der aufkommenden SA.

Die Filmbrüder Bernhard und Leo Redder basieren im Kern auf den berüchtigten Brüderpaaren und Bandenstrukturen jener Zeit – allen voran auf der Sandeck-Bande und der Moczadlo-Bande. Diese Banden bestanden oft aus verarmten, durch Weltwirtschaftskrise und Inflation radikalisierten jungen Männern aus dem Arbeitermilieu des Reviers. Sie schreckten vor brutalen Raubüberfällen, Einbrüchen und sogar Morden nicht zurück.

Michael Lentz hat diese düstere Epoche des Ruhrgebiets, in der die Grenzen zwischen organisierter Kriminalität und politischem Terror komplett verschwammen, in der Figur des Bernhard Redder, gespielt von Helmut Berger, perfekt verdichtet.

1982 produzierten Michael Lentz und seine Frau Jelka Naber-Lentz mit ihrer Essener Firma „Oase-Film“ meinen ersten professionellen Kurzspielfilm „Wie immer“. Bei einem Abendessen erzählten sie von den Horror-Dreharbeiten zu „Das fünfte Gebot“. Das Projekt hätte sie damals fast in den Ruin getrieben. Besonders die Filmdiva Helmut Berger hatte mit seinen Allüren das gesamte Team an den Rand des Wahnsinns gebracht.

Doch zurück zum Buchtipp: „True Crime Ruhrgebiet“. Wenn der Polizeibericht zum feuilletonistischen Vergnügen wird.

Bei „True Crime Ruhrgebiet“ von Henrietta Schabau gibt es keine glattgebügelten Podcast-Stimmen, sondern Originaltöne aus der Presse der Weimarer Jahre: skurrile Delikte, erschütternde Verbrechen und kreative Überlebensstrategien – alles eingefroren in der Sprache von damals, mit Moralkeule, Lokalpatriotismus und einem Schuss Sensationsgier. Man liest und denkt: „Mensch, so ähnlich klingt das doch heute noch – nur mit anderen Wörtern.“

Die Fälle kommen aus dem ganzen Pott – Duisburg, Dortmund, Herne, Gelsenkirchen, Castrop-Rauxel, Bottrop und Essen – und zeigen, wie im Schatten von Zechen, Stahlwerken und Parteibüros geklaut, betrogen, geschlagen und manchmal auch einfach nur überlebt wurde.

Zwischen Ruhrbesetzung, Krise und Krawall

Die Jahre von 1919 bis 1933 waren alles andere als ruhig: französische Besatzungstruppen im Ruhrgebiet, Hyperinflation, anschließend die Weltwirtschaftskrise und Straßenkämpfe zwischen politischen Lagern. Die Verbrechen im Buch sind keine isolierten „Einzelfälle“, sondern Teil dieses großen Unruheherds.

Manche Täter wurden aus purer Not kriminell, andere aus Überzeugung und wieder andere einfach, weil sie es konnten. Und die Zeitungen? Die machten daraus, was bis heute funktioniert: Geschichten, die Angst machen, empören, unterhalten und sich verkaufen.

Udo Schucker

„True Crime Ruhrgebiet. 1919 – 30. Januar 1933. Von Amokläufer bis Zeitungsmarder“
Eingefangen von Henrietta Schabau
Verlag Henselowsky Boschmann, 2026
192 Seiten, 14,90 Euro

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