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Hommage an Adele Schulte-Zurhausen

1977 eröffnet die ehemalige Ballerina Bottrops erstes Ballettstudio

Tanz auf dem Vulkan

Ich saß im legendären „Bistro Piccadilly“ und buhlte gemeinsam mit meinem Freund Gerd um die Gunst der schönen Ulrike. Zuvor hatten Gerd und ich bei einer Verkehrskontrolle noch in den Lauf einer Maschinenpistole geblickt. Willkommen im „Deutschen Herbst“ 1977.

Der „Deutsche Herbst“ 1977 war ein entscheidendes Ereignis in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Die Eskalation der Gewalt durch die Rote Armee Fraktion (RAF) – insbesondere die Entführung und Ermordung von Hanns Martin Schleyer sowie die Entführung der Lufthansa-Maschine „Landshut“ – stellte die Regierung unter Bundeskanzler Helmut Schmidt und die Demokratie vor eine harte Bewährungsprobe.

Im Oktober 1977 begingen Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe in ihren Zellen im Gefängnis Stammheim den Freitod – ein Ereignis, das als die „Todesnacht von Stammheim“ in die Annalen der Geschichte einging und bis heute Rätsel und Debatten hinterlässt. Inmitten dieser politischen Erschütterungen saßen wir da, als wäre die Welt in wilder Bewegung, und wir mittendrin – auf einem Vulkan, der jeden Moment ausbrechen konnte.

Arabesque

In dieser Nacht saßen wir also im Bistro und versuchten, Pluspunkte bei Ulrike zu sammeln. Auf der Theke lag die WAZ. Dort stach uns eine Anzeige ins Auge, die auf die Eröffnung des Ballettstudios Adele Zurhausen hinwies: Klassischer Tanz für alle Altersklassen, Kurse auch für Erwachsene. Kostenlose Probestunde.

Ulrike tippte mit ihrem Mittelfinger auf die Anzeige und schaute uns mit ihren tiefblauen Augen eindringlich an: „Ich will da nächste Woche mal reinschnuppern. Wollt ihr nicht mitkommen? Wäre mal was anderes. Ein Schritt in eine Welt der Anmut und perfekten Bewegung.“ Ulrike tippte weiter auf die Anzeige – wie auf eine Morsetaste. Ihr Takt ergab den Morsecode für SOS: dreimal kurz, dreimal lang, dreimal kurz.

Tja, was soll ich Ihnen sagen? Adrenalin, Testosteron und Alkohol – wir haben sofort zugesagt.

Ich war damals ziemlich sportlich, der Spagat war für mich keine große Herausforderung. Außerdem – neben Rock und Jazz hatte ich längst eine Schwäche für klassische Musik. Tschaikowskis „Schwanensee“ und Strawinskys „Feuervogel“ drehten ihre Runden auf meinem Plattenspieler. Gerade erst hatte ich ein Buch über Nijinsky und die sagenhaften „Ballets Russes“ verschlungen. Die Aussicht auf Blamage erschien mir in diesem Moment ziemlich gering.

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Das Ballettstudio Adele Zurhausen

Einige Tage später: Gerd und ich stehen unbeholfen im Foyer der Ballettschule. Das Studio lag damals eingekeilt zwischen Gladbecker und Horster Straße, verborgen im geometrischen Trapez der Stadt.

Die Ballettschule war funktional eingerichtet: Im Foyer standen drei Stühle um einen Schreibtisch herum, ergänzt durch eine Sitzgarnitur mit Tischchen. An den Wänden hingen ein paar Schwarzweiß-Fotos, die Adele Zuhause als Ballerina zeigten. Ein schmaler Gang führte direkt ins Ballettstudio. Links und rechts vom Gang befanden sich die etwas zu klein dimensionierten Umkleideräume.

Ulrike glänzte mit Abwesenheit. Und wie sich später herausstellte, hatte sie uns mit der Ballettnummer aufgezogen und im Traum nicht daran gedacht, dass wir tatsächlich im Ballettstudio antanzen würden.

Auftritt Adele Schulte-Zurhausen

Frau Schulte-Zurhausen empfing uns mit einer Freude, die den Raum sanft erhellte. Zwei junge Männer, die sich für klassisches Ballett interessierten – eine Seltenheit, so außergewöhnlich wie eine totale Sonnenfinsternis.

Wir waren zu früh; die Kurse für Erwachsene sollten erst in einer Woche beginnen. Doch das bedauerten wir keineswegs – im Gegenteil: Für einen flüchtigen Moment schien sich ein Ausweg aus der Situation zu eröffnen. Doch Frau Schulte-Zurhausens stille Autorität, wie sie einer wahren Ballettmeisterin gebührt, ließ keinen Zweifel und keinen Widerspruch zu. Ihr Charme, ihre Ausstrahlung – sie umhüllten uns wie ein unsichtbarer Schleier und zogen uns augenblicklich in ihren Bann.

Demi Plié

Die Fersen berühren sich, und die Füße werden um 45 Grad ausgedreht. Dies wird im Ballett auch „erste Position“ genannt. Dann beugt man die Knie ein wenig und achtet darauf, sie mittig über den Füßen zu halten.

Was Anna Pawlowa für die Welt des klassischen Balletts darstellte, das stellte die ehemalige Ballerina Adele Zurhausen in diesem Moment für uns Bottroper Burschen dar. Und so lernte ich an diesem Tag nicht nur einen grundlegenden Tanzschritt, sondern betrat zugleich auch eine andere Welt.

Frau Schulte-Zurhausen gewährte uns eine exklusive Einführung in den klassischen Tanz und brachte uns an diesem Tag die fünf Fußpositionen des klassischen Balletts bei.

Eine Woche später – Auftakt

Von Ulrike hatten wir immer noch nichts gehört. Gerd, der später als Kinderarzt in Kirchhellen Karriere machte, warf das Handtuch; klassisches Ballett war wohl doch nichts für ihn. Ich dagegen war angefixt, und wie sich herausstellte, war ich der einzige Mann in dem Kurs – neben zwölf sehr attraktiven Damen. Ja, ich weiß, was Sie jetzt denken, und Sie haben vielleicht Recht, aber das ist eine andere Geschichte.

Adele Schulte-Zurhausen – Solotänzerin, Tanzpädagogin und Malerin

„Ich bin nicht als Tänzerin oder Malerin geboren, aber schon als Kind wollte ich einfach nur tanzen.“

Die 1938 in Bottrop geborene Tanzpädagogin und Künstlerin wurde vor allem als außergewöhnlich talentierte Balletttänzerin bekannt. Sie war Zeitgenossin und Studienkollegin von Pina Bausch und Ulrich Roehm an der Folkwang-Schule und tanzte in den 1960er Jahren unter der Choreografie von Kurt Jooss.

Mit der Gründung ihrer Ballettschule in Bottrop schuf sie einen Ort, an dem Generationen junger Tänzerinnen und Tänzer ihre ersten Schritte im klassischen Ballett machen konnten. Die Schule entwickelte sich rasch zu einer festen Institution in der Stadt und genießt einen exzellenten Ruf für ihre qualitativ hochwertige Ausbildung. Der Unterricht orientierte sich am international anerkannten System der Royal Academy of Dance, was den Schülerinnen und Schülern eine fundierte und strukturierte Ausbildung ermöglichte.

Adele Schulte-Zurhausen gilt als die prägende Persönlichkeit der Bottroper Ballettszene. Ihr Ballettstudio, das mittlerweile in der dritten Generation geführt wird, hat bis heute weit über die Stadtgrenzen hinaus bedeutenden Einfluss auf die Tanzkultur.

Mit der Eröffnung ihres Ballettstudios im Jahr 1977 legte Adele Schulte-Zurhausen den Grundstein für eine ganz besondere Institution. Eine Schule, die nicht nur klassische und zeitgenössische Tanzformen vermittelte, sondern auch zu einem lebendigen Treffpunkt für Tanzbegeisterte in Bottrop wurde. Nach ihrem Rückzug übernahm ihre Schwiegertochter Ulla Schulte-Zurhausen die Leitung und sorgte dafür, dass der Geist und die Tradition der Schule bis heute lebendig geblieben sind.

Auch die jüngere Generation der Familie, allen voran Kira Schulte-Zurhausen, blickt mit liebevoller Erinnerung auf ihre ersten Schritte an der Ballettschule der Großmutter zurück. Diese vertraute Weitergabe von Können und Leidenschaft zeigt eindrücklich, wie tief Adele Schulte-Zurhausens Engagement verwurzelt ist – nicht nur im Tanz, sondern im Herzen einer ganzen Familie und ihrer Gemeinschaft.

Bedeutung für die Kulturlandschaft Bottrops

Adele Schulte-Zurhausen hat mit ihrer Ballettschule nicht nur zahlreiche Talente gefördert, sondern auch das kulturelle Leben in Bottrop nachhaltig bereichert. Ihre Arbeit trug dazu bei, dass Ballett als Kunstform in der Region einen hohen Stellenwert erhielt und bis heute gepflegt wird.

Adele Schulte-Zurhausen steht stellvertretend für die Leidenschaft und das Engagement, mit dem lokale Künstlerinnen und Künstler die Kulturlandschaft prägen. Ihre Ballettschule bleibt ein Ort, der ihren Geist weiterträgt, an dem die Liebe zum Tanz weitergegeben und neue Generationen inspiriert werden.

Nach ihrer erfolgreichen Tätigkeit als Tanzpädagogin entdeckte Adele Schulte-Zurhausen ihr Talent für die bildende Kunst. Heute ist sie als Malerin aktiv und hat mit 79 Jahren beispielsweise an der Ausstellung „KUNST. KRAFT DES ALTERS 2“ in Essen teilgenommen. Sie ist für ihre Disziplin und Hingabe in beiden künstlerischen Bereichen bekannt und engagiert sich seit Jahren auch in soziokulturellen Projekten wie dem ZKE.

Ich blieb damals vier wunderbare Jahre „an der Stange“. 1983 habe ich einen kleinen Ballettfilm über eine Generalprobe der Ballettschule Zurhausen in der alten Schauburg gedreht. Leider ist der Film verschollen. Von allen Sportarten, die ich je betrieben habe, war klassischer Tanz die härteste, aber auch die wundervollste. Man lernt, den Körper einfach der Musik zu überlassen, überflüssige Gedanken auszuschalten, Haltung zu bewahren und einfach davon zu schweben. Danke, Adele.

Udo Schucker

Und danke an meine Hairstylistin Sybille für den Hinweis auf Adeles Kunstwerke.

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