Lesedauer: 10 Minuten

Die Zukunft hat Vergangenheit – Teil 5

Vom Kaufhaus Karstadt zur Phoenix-Galerie – das neue Stadtarchiv, Co-Working-Plätze und der Heilige Gral

AUSSEN. DÜSTERES ANTIQUITÄTENGESCHÄFT. NACHT

Wien, 1953. Eine enge, feuchte Gasse. Das Schaufenster eines Antiquitätengeschäfts glimmt matt im fahlen Laternenlicht – ein Ort, der mehr verbirgt, als er zeigt.

INNEN. DÜSTERES ANTIQUITÄTENGESCHÄFT. NACHT

Ein ALTER MANN schürt die Glut in einem rußigen Kohleofen. Die Schatten der Flammen tanzen über Regale voller vergessener Dinge.

Der alte Mann tritt an ein Katheder, seine Finger zittern, als er einen schweren, ledernen Folianten aufschlägt. Auf dem Einband windet sich eine eingravierte rote Schlange. Die Seiten darin – lose, vergilbt, fast zu Staub geworden.

Ein SCHATTEN gleitet lautlos über die Bücherwände. Der Alte hält inne. Er weiß, dass er nicht allein ist. Langsam schließt er den Einband, presst ihn an seine Brust – und dreht sich um.

ALTER MANN (heiser, zu sich selbst):
„Ich wusste, dass Sie kommen würden … Als Rabbi Rosenbaum mir 1939, kurz bevor sie ihn holten, diese Seiten übergab, musste ich ihm schwören, sie zu hüten – wie meinen Augapfel. Und kein Wort … kein einziges Wort darüber zu verlieren.“
(Pause, trotzig)
„Bis heute habe ich geschwiegen. Bis heute. Ich wusste, eines Tages würde jemand kommen.“

Der Schatten senkt sich über den Alten. Das Licht flackert – dann erlischt es.

SCHNITT.

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Zufälle gibt’s

Der schrille Alarm des Zufallsgenerators riss mich aus meiner Arbeit an einem Serienkonzept mit dem Arbeitstitel „Die rote Schlange“ – weg von den düsteren Wiener Gassen der 1950er Jahre, zurück ins Bottrop des Jahres 1990.

Ich hatte mal wieder einen Studentenjob bei Karstadt, diesmal als Pförtner. Ein recht lauer Job: Man saß die meiste Zeit in seiner Kabine und wartete auf Feierabend. Alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mussten beim Verlassen des Gebäudes auf den Knopf des Zufallsgenerators drücken, der sich wenige Meter vor der Pförtnerkabine befand. Nur wenn dieser rot aufleuchtete und einen schrillen Alarm von sich gab, musste ich die Taschen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kontrollieren, eine Tätigkeit, die ich als ausgesprochen unangenehm empfand. Aber so war der Deal.

„Günni, heute früher Feierabend?“
„Muss zum Arzt. Wat is – soll ich auch die Hosen runterlassen?“, fragte mich Tunnelfahrer Günni genervt.
„Besser nich‘, Tasche reicht“, antwortete ich.
Günni öffnete seine abgewetzte braune Aktentasche, in der sich ein Handtuch und zwei leere Bierflaschen befanden.
„Bist du jetzt unter die Flaschensammler gegangen?“
„Die sind von mir. Die Sorte gibt’s hier nich‘“, sagte Günni, klappte seine Tasche zu und stieg die Treppen hoch zum Ausgang.

Der Personal-Ein- und -Ausgang befand sich damals am Kirchplatz, neben der alten Apotheke. Dort führten Treppen hinab in die Unterwelt des Kaufhauses. Und dort saß ich an meinem abgewetzten Schreibtisch in meiner „Silent Box“, aus deren Wänden der Putz rieselte – wie Zerberus, wachend, dass niemand Unbefugtes die Unterwelt betrat.

Ein Job mit viel Leerlauf, bei Studierenden äußerst beliebt. Man konnte ungestört an Referaten arbeiten oder an der Magisterarbeit tüfteln. Ich nutzte die Zeit, um an einem Konzept für eine zwölfteilige Fernsehserie zu feilen – einen zeitgemäßen Mysterythriller über den Heiligen Gral.

Man könnte sagen: Diese unscheinbare Pförtnerkabine war unbeabsichtigt ein Vorläufer dessen, was Jahre später als Co-Working-Space die moderne Arbeitswelt prägen sollte.

Co-Working-Space

Doch erst im Laufe der 1990er Jahre bekam dieses Prinzip einen Namen – und ein Image. Es war das Jahrzehnt der Wiedervereinigung, der neuen Märkte, der Start-ups, die plötzlich überall aus dem Boden schossen. Die Multimedia-DVD und das Internet versprachen eine neue, grenzenlose Arbeitswelt, und ganze Branchen setzten alles darauf, den neuen Multimedia-Markt zu erobern. In den Großraumbüros der New Economy herrschte Aufbruchstimmung; man arbeitete an Visionen, nicht nur an Produkten. Die kreative Energie schien unerschöpflich, bis 2001 die Blase platzte und viele Träume an den Börsenkursen zerschellten. Auch meine Serienidee benötigte fast zehn Jahre, um sich endlich zu entfalten. Aber das ist eine andere Geschichte.

Heute, viele Hypes später, haben sich Co-Working-Spaces leise, aber nachhaltig etabliert. In einer Arbeitswelt, in der KI-Agenten Routinen übernehmen und Bildschirme oft die einzigen „Kollegen“ sind, gewinnen Orte an Bedeutung, an denen Menschen sich wieder leibhaftig begegnen. Co-Working-Spaces versprechen genau das: flexible, kurzfristig buchbare Arbeitsplätze, professionelle Infrastruktur ohne langfristige Verträge – und die Chance, beim Kaffee jemanden zu treffen, der die nächste Idee mit einem Satz auf den Punkt bringt. Freelancer, Selbstständige, Start-ups, Remote-Angestellte, Studierende, Kreative.

Auch in der Phoenix-Galerie zieht dieses Prinzip ein. Im Innenhof sowie im Gebäude selbst entstehen „Bürocontainer“ – mit Einzelbüros, Silent-Boxes und Konferenzräumen. Wer hier arbeitet, schaut hinunter auf das lebendige Treiben im Hof: Das Leben bleibt sichtbar, hörbar – und ist doch weit genug entfernt. Innen herrscht Ruhe, akustisch abgeschirmt von der Außenwelt. Man hört das leise Klappern von Tastaturen, ein gedämpftes Lachen aus einem Videocall. Arbeitsorte wie diese sind mehr als nur Schreibtische mit WLAN. Sie sind eine Antwort auf die Frage, wie Arbeit in einer digitalisierten, von Algorithmen und Automatisierung geprägten Gesellschaft menschlich bleiben kann.

Schichtwechsel – 1990/2026

13 Uhr. Mein Kollege Jörg Knur – ebenfalls studentische Aushilfskraft – kam mal wieder 10 Minuten zu spät. Er hatte ein paar Bücher dabei und wollte an einer Hausarbeit tüfteln. Ich fuhr mit dem Lastenaufzug in die dritte Etage, ging in die Personalkantine und bestellte das Tagesgericht: Jägerschnitzel mit Pommes.

Ein kleiner Teil der Kantine war für Führungskräfte abgeschottet. Fraternisation stand seinerzeit nicht auf dem Speiseplan. In der Phoenix-Galerie wird eine zentrale Kantine nicht mehr benötigt. Es wird viele Möglichkeiten geben, mittags hier kostengünstig zu speisen.

In der dritten und vierten Etage, dort, wo sich im alten Karstadt-Gebäude neben der Kantine Büros und Lagerräume befanden, werden nun Teile der Stadtverwaltung einziehen.

Basar der Erinnerungen

Die zweite Etage ist zum Großteil für das Stadtarchiv reserviert. Derzeit sind die Räume des Bottroper Stadtarchivs auf fünf Standorte verteilt; in der Phoenix-Galerie werden sie endlich unter einem Dach vereint. Die Mitarbeiter des Archivs freuen sich schon riesig auf die neuen Räume und überlegen, wie man hier die Stadtgeschichte noch lebendiger und zeitgemäßer den Bürgern näherbringen kann. Früher konnte man in der zweiten Etage Haushaltswaren, Matratzen oder orientalische Teppiche erwerben. In Zukunft kann man dort die Vergangenheit erleben – von digitalen Agenten begleitet, die den Besucher durch den Basar der Erinnerungen (ver)führen. Okay, hier bekommt meine Fantasie mal wieder Flügel.

Ein paar meiner alten Spielfilme befinden sich mittlerweile im Stadtarchiv. Und so wird auch ein Teil von mir hier demnächst Quartier nehmen. Und wenn ich längst Vergangenheit bin, wird dieser Teil vielleicht noch da sein – an diesem Ort, an dem ich seit Kindertagen so viele wunderbare Geschichten erleben durfte. Ich stehe vor der ehemaligen Karstadt-Fassade und bin für einen Augenblick wieder Kind. Blicke voller Verwunderung auf diese Trutzburg, die sich nach und nach zur Phoenix-Galerie transformiert. Ich denke an meine Story über den Heiligen Gral und frage mich, welche Geschichten hier in Zukunft geschrieben werden. Ich stelle mir Olly Helmke kurz als König Artus und Marcel Wiesten (Geschäftsführer der Phoenix Bottrop GmbH) als Lancelot vor und erblicke für einen Wimpernschlag Camelot. Nennt mich Parsifal. Die Zukunft hat Vergangenheit.

Udo Schucker

Nachtrag: Mein Serienkonzept aus dem Jahr 1990/95 ist nach wie vor verfügbar und kann als PDF heruntergeladen werden: Treatment „Die Rote Schlange“ jetzt sichern!

Weitere Infos zur Phoenix Galerie: https://phoenix-bottrop.de/

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Lesen Sie zum Thema Karstadt/Phoenix Galerie auch unsere neue Rubrik mit zahlreichen Beiträgen: vom Kaufhaus Karstadt zur Phoenix Galerie

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